Wie ein Freund mir einmal nachts seine Zeit schenkte

 

Für S.

Zu Beginn meiner Trockenheit war ich sehr verletzlich, ängstlich und geriet schnell in innere Not. Ein Programmfreund hatte mich in London zu meinem Hotel gebracht und sich verabschiedet. Ich ging zu meinem Zimmer, bekam aber mit der Karte die Tür nicht auf. Ich geriet in Panik. Wie sollte ich in das Zimmer kommen? Wie mit meinem schlechten Englisch das Problem erklären? Heute weiß ich gar nicht mehr, worin das Problem bestand. Aber ich erinnere mich noch an die Angst und innere Not.

Zum Glück traute ich mich, um Hilfe zu bitten. Ich griff zum Mobiltelefon und rief den Freund an. Der war schon fast zu Hause. Ich wusste, dass er am nächsten Morgen etwas vorhatte. Aber er sah meine Not und sagte mir, er käme zurück, um mir zu helfen.

Ich weiß die Details nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass er die Situation für mich klärte, und so gelangte ich in mein Zimmer. Er wartete, bis alles in Ordnung war und ich mich beruhigt hatte, verabschiedete sich freundlich und ging. Ich fühlte mich „gerettet“.

Es gibt in der Bergpredigt eine Stelle, wo es sinngemäß heißt: Wenn einer dich nötigt eine halbe Meile mit ihm zu gehen, dann gehe eine ganze Meile mit ihm. Und wenn er deinen halben Mantel fordert, dann gib ihm den ganzen.

Genau das hatte mein Freund gemacht. Ich forderte etwas von ihm und es war eine Zumutung. Aber statt zu versuchen, mir am Telefon zu helfen, aber mich notfalls auch abzuweisen („Ich muss morgen früh ‚raus. Das schaffst du schon.“), was völlig nachvollziehbar gewesen wäre, ging er die ganze Meile mit mir. Er schenkte mir den ganzen Mantel, er regelte die Situation für mich, obwohl es ihn wertvolle Schlafenszeit kostete.

Er hatte meine Not gesehen und mir geholfen. So wie er mir auch zu einem Sponsor verholfen und mir später noch oft Mut gemacht hat.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich vor Kurzem einen Neuen vertrösten wollte, dass ich höchstens ein Mal die Woche Zeit zum telefonieren hätte. Dann erinnerte ich mich daran, wie oft andere mir ihre Zeit geschenkt haben. Und es hilft doch mir, wenn ich Neuen helfen kann. Es ist ein Geschenk, helfen zu dürfen.

Der Mantel, den ich weggebe, wärmt anschließend uns beide. Und die gemeinsam gegangene Meile ist ein Stück auf dem Weg meiner eigenen Genesung, den ich gemeinsam mit einem anderen Menschen gehen darf.

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