Was an einem schwierigen Tag zu tun ist

Wenn jemand mir etwas von sich erzählt, was ich bei mir selbst nicht wahrhaben will, reagiere ich oft zuerst mit Ärger. Wenn mir zum Beispiel jemand sagt, er habe gerade große Schwierigkeiten mit lüsternen Blicken. Es kann sein, dass bei mir Ärger aufkommt: Warum hat er immer diese Schwierigkeiten? Wenn ich dem Ärger auf den Grund gehe, entdecke ich die Wahrheit: Ich selber habe diese Schwierigkeiten. Ich will sie nur nicht wahrhaben. Deshalb stört mich die Wahrheit des anderen. Weil es meine Wahrheit ist.

Wenn ich mit Lüsternheit Schwierigkeiten habe, muss ich die Lüsternheit kapitulieren – loslassen. Wenn das Kapitulieren nicht hilft – dann muss ich mit den Schwierigkeiten leben. Ich kann nur aufhören, gegen sie zu kämpfen.

Ich habe mich an eine Geschichte von Anthony de Mello erinnert, die es auf den Punkt bringt (aus: Warum der Schäfer jedes Wetter liebt, Weisheitsgeschichten):

Was an einem kalten Tag zu tun ist

An einem bitterkalten Tag drängten sich ein Rabbi und seine Schüler um ein Feuer. Einer der Schüler, Sprachrohr seines Meisters, sagte: „Ich weiß genau, was an einem so eiskalten Tag wie heute zu tun ist.“ „Was?“ fragten die anderen.

„Warm halten. Und wenn das nicht möglich ist, weiß ich immer noch, was zu tun ist.“ „Was?“ „Frieren.“

Und Anthony de Mello führt weiter aus:

Die jeweilige Wirklichkeit kann in Wahrheit weder abgelehnt noch angenommen werden.

Vor ihr davonlaufen ist, als laufe man seinem eigenen Füssen davon.

Sie anzunehmen, ist, als küsse man die eigenen Lippen.

Man kann nichts anderes tun als sehen, verstehen und ruhig sein.

Das ist es! Ich kann den in meinem Leben auftauchenden Suchtaspekt in Wahrheit gar nicht ablehnen. Er ist ja da! Er äußert sich eben so und so.

Eigentlich kann ich ihn noch nicht einmal annehmen. Denn er ist ja da. Kann ich zu meinem Atem sagen: Ich nehme dich an?

Der verzweifelte Kampf gegen die Lüsternheit ist immer ein unmögliches Ablehnen. Und selbst das aktive Annehmen-Wollen ist, wenn es aus einer verleugneten Ablehnung hervorgeht, unmöglich, weil schon die Nicht-Annahme gar nicht möglich ist.

Wenn die Annahme echt ist, dann ist sie etwas Leichtes, Einfaches. Erst der Umstand, dass ich etwas nicht wahrhaben will, macht aus der Annahme etwas Schmerzhaftes. Weil in dem Versuch der Annahme noch die Behauptung liegt, ich könnte eigentlich auch ablehnen, statt anzunehmen. Damit bleibt aber eine Lüge in dem Vorgang der Annahme, die die Annahme selber vergiftet und schwer macht.

Alle Formen der Leugnung der Wirklichkeit, meiner Wirklichkeit, bedeuten einen nicht auszuhaltenden Schmerz. Gegen diesen Schmerz bietet sich die große Unwirklichkeit, die Sucht, als Heilmittel an. Mein Problem ist nicht die Lüsternheit. Mein Problem ist, dass ich nicht gelernt habe, das Leben ohne die Lüsternheit zu leben. Die Lüsternheit war die Lösung für alle meine Probleme. Was soll gegen diese Kraft wirken?

Das einzige Heilmittel sind die Höheren Kräfte, die mir ermöglichen zu sehen, zu verstehen und in den Frieden zu kommen: Friedvoll zur Welt zu stehen. Zu mir selbst, zu meinen Mitmenschen und zu Gott – wie ich Gott verstehe.

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