Selbsterforschung, Gebet und Meditation nach dem Blauen Buch (5): Am Abend

(Hier geht es zur Einleitung in diese Beitragsreihe.)

In dieser Beitragsreihe schreibe ich über meine Entdeckung, dass sich in den Textabschnitten im Blauen Buch zum zehnten und elften Schritt alles findet, um Gebet, Meditation und Selbsterforschung wirksam miteinander verknüpfen zu können.

Im vorangegangenen Beitrag ging es kurz um mein Abendgebet und ausführlich um die Thematik der Lüsternheit im Schlaf. Jetzt komme ich zu dem Abschnitt zum elften Schritt im Blauen Buch, der sich mit der Routine vor dem zu Bett gehen beschäftigt. Dort wird deutlich, dass sich Selbsterforschung und Gebet ergänzen. Ich zitiere die Textstelle wieder auf deutsch und im englischen Original (falls jemand andere Übersetzungsvorschläge hat, freue ich mich über einen Kommentar zum Beitrag):

When we retire at night, we constructively review
our day. Were we resentful, selfish, dishonest or
afraid? Do we owe an apology? Have we kept some­thing to ourselves which should be discussed with
another person at once? Were we kind and loving
toward all? What could we have done better? Were
we thinking of ourselves most of the time? Or were
we thinking of what we could do for others, of
what we could pack into the stream of life? But we
must be careful not to drift into worry, remorse or
morbid reflection, for that would diminish our usefulness to others. After making our review we ask God’s
forgiveness and inquire what corrective measures
should be taken.

Alcoholics Anonymous, page 86

Vor dem zu Bett gehen schauen wir konstruktiv auf unseren Tag zurück. Waren wir grollig, egoistisch, unehrlich oder voller Angst? Müssen wir uns bei jemandem entschuldigen? Haben wir etwas für uns behalten, was wir sofort mit jemandem besprechen sollten? Waren wir allen gegenüber freundlich und liebevoll? Was hätten wir besser machen können? Dachten wir die meiste Zeit nur an uns selbst? Oder dachten wir daran, was wir für andere tun könnten – wie wir den Strom des Lebens bereichern könnten? Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Sorgen, Selbstvorwürfe oder krankhaftes Grübeln abgleiten, denn das würde unsere Nützlichkeit für andere verringern. Nachdem wir unseren Rückblick beendet haben, bitten wir Gott um Vergebung und um Rat, was wir besser machen können.

Anonyme Alkoholiker, Seite 99 (Übersetzung von mir modifiziert)

Wie setze ich dieses Abendprogramm in die Tat um?

Vor dem zu Bett gehen schauen wir konstruktiv auf unseren Tag zurück.

In der deutschen Ausgabe des Blauen Buches ist diese Stelle übersetzt mit: „Vor dem Einschlafen gehen wir die Ereignisse des Tages in Gedanken durch.“ Das war eine Falle für mich als jemandem, der alles richtig machen will. „Vor dem Einschlafen…“, das hieß für mich, dass dieser Rückblick also als allerletztes am Abend und nach dem Abendgebet stattfinden müsste. Aber da wollte ich doch schlafen und nicht wieder anfangen, irgendetwas in Gedanken durchzugehen. Also ließ ich es meistens bleiben. Bis mir ein Freund sagte, dass ich es nicht so wörtlich nehmen müsste. „When we retire at night“ bedeute etwa soviel wie: „Wenn wir unser Tagewerk beendet haben“. Wichtig sei nur, dass danach keine großen Aufregungen mehr stattfänden.

Interessanterweise hat mir ein Sponsee erzählt, dass er genau die gleichen Probleme hatte. Auch er dachte, das sei wörtlich gemeint und müsse auch so genommen werden. Wir Süchtigen sind uns halt in vielem ähnlich…

Seitdem halte ich diese kurze gedankliche Rückschau, wann es am besten passt. Idealerweise vor dem Abendgebet, aber auch das muss nicht sein.

Waren wir grollig, egoistisch, unehrlich oder voller Angst?

Ich gehe dann diese Punkte einfach in Gedanken durch:

  • Groll?
  • Egoismus/ Selbstsucht?
  • Unehrlichkeit?
  • Angst?

An manchen Tagen fällt mir tatsächlich zu jedem Punkt etwas ein. Manchmal stelle ich auch fest, dass ich an dem Tag wenig Probleme hatte.

Sollte sich in der Rückschau zeigen, dass es größere Grollpunkte gibt, schreibe ich manchmal auch noch eine Inventur nach dem Schema des vierten Schrittes. Das ist aber eine Ausnahme. Normalerweise dauert die Rückschau nur wenige Minuten. Stoße ich immer auf den gleichen, vielleicht unterschwelligen, Groll, muss ich auf jeden Fall bei passenderer Gelegenheit eine Inventur schreiben, denn es gilt der Sogan:

Lass‘ Deinen Ärger nicht zu einem Resentment werden.

Die nächste Frage des Rückblicks:

Müssen wir uns bei jemandem entschuldigen?

Auch diese Frage weist auf Schritt 10 hin. Manchmal wird mir abends deutlich: „OK, das war nicht in Ordnung, was du da gemacht hast. Dafür entschuldigst du dich morgen.“ Wenn ich diese Entscheidung bewusst treffe, kann ich damit zunächst abschließen – und trotz der noch offenen Sache ruhig schlafen. Denn morgen werde ich diesen noch offenen „Schritt 10“ (Unrecht zugeben/ wiedergutmachen) nachholen.

Haben wir etwas für uns behalten, was wir sofort mit jemandem besprechen sollten?

Das kann es auch geben. Dass die Sache, die ich in der Rückschau entdecke, eben nicht bis morgen Zeit hat. Vielleicht habe ich im Meeting einen Freund beschämt. Oder ich habe jemanden verbal attackiert. Manchmal wird mir so etwas in der Rückschau deutlich und ich muss sofort handeln. Und das bedeutet: Mit jemandem sprechen. Ist der Sponsor noch erreichbar? Oder ein anderer Programmfreund? Vielleicht hilft auch ein Gespräch mit dem Partner? Jedenfalls muss ich raus aus mir selbst, es ans Licht bringen. In solchen Situationen gilt:

Ein Süchtiger allein mit sich selbst ist in schlechter Gesellschaft.

Es kann sich bei dem, was ich sofort besprechen muss, auch um Lüsternheit handeln. Wenn ich zum Beispiel plötzlich klar sehe, dass ich zocke – dass ich vielleicht sogar „heimlich“ schon einen Rückfall vorbereite. Dann ist sofortiges Handeln angesagt. Und an der Bereitschaft, sofort zu handeln, zeigt sich dann auch, wie es in Wirklichkeit gerade um meine Nüchternheit und Bereitschaft steht…

Waren wir allen gegenüber freundlich und liebevoll? Was hätten wir besser machen können?

Was hätte ich besser machen können? Achtung: Eingangs hieß es, dass wir konstruktiv auf unseren Tag schauen. Es geht also nicht darum, alle (vermeintlichen) Versäumnisse seit der vierten Klasse in Gedanken aufzulisten, sondern ganz konkret um die Situationen des Tages, die mir einfallen.

Dachten wir die meiste Zeit nur an uns selbst? Oder dachten wir daran, was wir für andere tun könnten – wie wir den Strom des Lebens bereichern könnten?

An dieser Stelle angekommen spüre ich oft nacheinander erst eine Unruhe und dann doch eine Ruhe – Demut. Oft stelle ich zuerst fest, dass ich tatsächlich oft vor allem an mich selbst gedacht habe. Selbstzentriertheit und besonders selbstzentrierte Angst ist ein großes Problem von mir. Aber oft habe ich auch versucht, zu anderen freundlich zu sein und anderen zu helfen. Es gab beides an dem Tag. Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Stärken. Die Schwächen zu sehen und auszuhalten, sie nicht minimieren aber auch nicht aufzublähen, das führt zur Demut – und diese Demut zu mehr innerem Frieden.

Eine meiner Lieblingsstellen ist der hier erwähnte Strom des Lebens. Früher musste ich immer gegen ihn anschwimmen und ankämpfen. Und ich kämpfte und bekam keine Luft und geriet immer mehr in die Strudel. Meine Sucht half mir, meine ständige „Atemnot“ zu vergessen.

Im Programm übe ich, mich diesem Strom des Lebens – meinem Schicksalslauf – anzuvertrauen. Der Kampf ist zu Ende.

Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Sorgen, Selbstvorwürfe oder krankhaftes Grübeln abgleiten, denn das würde unsere Nützlichkeit für andere verringern.

Manchmal ist der Kampf doch nicht zuende. Am Tag ist vielleicht sehr viel schief gegangen. Das „wäre es doch anders“ oder „Was bin ich für ein fürchterlicher Mensch“ geht in meinem Kopf los. Jetzt ist der Ausstieg wichtig. „Konstruktiv“ war das Leitwort. Es geht nicht darum sich zu quälen, sondern darum, zu lernen. Ist das gerade nicht möglich, kann auch der Slogan gelten:

An manchen Tagen ist es deine einzige Aufgabe, trocken ins Bett zu kommen.

Egal wie der Tag war, ich darf ihn loslassen und Gott überlassen. Morgen ist ein neuer Tag. Dann wird die Welt schon wieder anders aussehen. In solchen Situationen kann es aber auch notwendig sein, noch mit jemandem zu sprechen, siehe oben. Selbst wenn ich niemanden erreiche, hilft schon die Aktion als solche ein wenig. Und ich kann zumindest eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.

Nachdem wir unseren Rückblick beendet haben, bitten wir Gott um Vergebung und um Rat, was wir besser machen können.

Mein Sponsor sagte mir, dass viele Süchtige tief im Inneren glauben, dass sie es nicht verdienen, trocken zu sein. Deshalb ist es so wichtig, zum Bild einer liebenden höheren Kraft zu kommen, an die man sich wenden kann.

Egal, was ich angestellt habe: Diese Kraft will mein Wachstum – sie will mich glücklich, voller Lebensfreude und frei sehen. Ich bin nicht mehr „verdammt“, im Hamsterrad der Sucht immer schneller zu laufen. Ich darf lernen, die Dinge besser zu machen. Auch wenn es vielleicht dauert. Und: Mir ist vergeben. Ich darf wiedergutmachen. Auch an mir. Und auch mir selbst vergeben.

Durch den Tagesrückblick und das Gebet finde ich Frieden – zumindest etwas davon. So kann ich mich dem Schlaf anvertrauen. (Zum Thema Lüsternheit im Schlaf“ siehe den vorangegangenen Beitrag.)

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