Selbsterforschung, Gebet und Meditation nach dem Blauen Buch (2): Am Morgen

(Hier geht es zur Einleitung in diese Beitragsreihe.)

Wie kann ich also Selbsterforschung, Gebet und Meditation so miteinander verbinden und ineinandergreifen lassen, dass die unerschütterliche Lebensgrundlage entstehen kann, von der in dem Buch Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen die Rede ist? Wie kann ich versuchen, Gottes Willen für mich herauszufinden und ihn zu tun?

Hierzu gibt es im Blauen Buch eine konkrete Anleitung, unterteilt in die Abschnitte des Tages „Am Morgen“, „Tagsüber“ und „Am Abend“. Diese Anleitung dient mir als Grundlage für die Gestaltung dieser Tagesabschnitte. In diesem Beitrag soll es um die Morgenroutine gehen.

Im Folgenden werde ich die Ausführungen des Blauen Buchs nach und nach zitieren und meine Erfahrungen mit dem jeweils zitierten Abschnitt schildern. Der Text findet sich im Blauen Buch im Kapitel 6 „In die Tat umgesetzt“. In diesem Abschnitt geht es um den elften Schritt. Er beginnt auf Seite 100 oben mit den Worten „Beim Erwachen“. Wie schon in der Einleitung, stelle ich die deutsche Übersetzung und das englische Original nebeneinander. Das englische Original gibt die Möglichkeit, die deutsche Übersetzung zu prüfen.

Beim Erwachen wollen wir über die 24 Stunden nachdenken, die vor uns liegen. Sorgfältig planen wir den Tag. Vorher bitten wir Gott, unsere Gedanken zu leiten. Besonders bitten wir darum, dass unser Denken frei bleibt von Selbstmitleid, Unehrlichkeit und selbstsüchtigen Motiven. Unter diesen Voraussetzungen können wir unsere geistigen Fähigkeiten zuversichtlich einsetzen; denn schließlich gab uns Gott den Verstand, damit wir ihn nutzen. Unser Denken bewegt sich auf einer höheren Ebene, wenn es frei von falschen Absichten ist.

Anonyme Alkoholiker, Seite 100

On awakening let us think about the twenty-four hours ahead. We consider our plans for the day. Be­fore we begin, we ask God to direct our thinking, especially asking that it be divorced from self-pity, dishonest or self-seeking motives. Under these condi­tions we can employ our mental faculties with assurance, for after all God gave us brains to use. Our thought-life will be placed on a much higher plane when our thinking is cleared of wrong motives.

Alcoholics Anonymous, page 86

Das Zwölf-Schritte-Programm ist ein spirituelles Handlungs-Programm, und so enthält auch dieser Abschnitt des Blauen Buchs eine praktische Handlungsanleitung. Die Grundstruktur der Empfehlungen ist dabei offen gehalten, so dass ich die Empfehlungen modifizieren und ergänzen kann.

Gebet um einen trockenen Tag

Das „Beim Erwachen“ nehme ich allerdings nicht wörtlich, denn erstens muss ich sowieso zunächst zur Toilette und zweitens kommt bei mir im Halbschlaf nichts Sinnvolles zustande. Aber wenn ich dann aufgestanden bin, versuche ich, möglichst bald mit dem Morgenprogramm zu beginnen.

Ich beginne mit einem Gebet. Vor den vom Blauen Buch vorgeschlagenen Text setze ich die Bitte um einen trockenen Tag und mein Versprechen an die Höheren Kräfte, dass ich meinen Teil tun werde, um trocken zu bleiben. Da ich nicht nur sexsüchtig, sondern auch alkoholsüchtig bin, benenne ich im Gebet beides:

Gott, ich bitte Dich, dass ich heute keinen Alkohol zu trinken brauche und ich bitte Dich, dass ich sexuell trocken sein kann. Ich werde das erste Glas Alkohol stehen lassen und ich werde die Lüsternheit nicht füttern und nicht sexuell ausagieren – mit Deiner Hilfe, nur für heute.

Sollte ich an einem Tag nur dieses Gebet sprechen können, z.B. weil ich zu spät aufgestanden bin: Dieses Gebet spreche ich immer.

Ich knie mich beim Beten hin. Nicht, weil das irgendwer von mir erwartet; auch nicht Gott, wie ich Gott verstehe. Ich glaube, dass meine Gebete gehört werden, und sie werden gehört, ob ich liege, sitze, stehe oder knie. Ich habe aber gemerkt, dass mir das Knien hilft, mich innerlich auszurichten.

Tagesplanung

Wenn es sich nicht um einen chaotischen Tag handelt, folgt nach dem Gebet um Trockenheit die im Blauen Buch empfohlene Tagesplanung. Auch sie beginnt mit einem Gebet. Manchmal erfolgt die Tagesplanung zeitlich versetzt (zum Beispiel nach dem Frühstück). Oft setze ich mein Gebet um Trockenheit auch einfach fort:

Gott, ich werde nun meinen Tag planen. Ich bitte dich, meine Gedanken zu leiten. Vor allem bitte ich Dich, dass sie frei sind von Selbstmitleid und von unehrlichen oder selbstsüchtigen Motiven.

So eingestimmt, kann ich über meine Tagesplanungen nachdenken. Wie so oft, geht es im Zwölf-Schritte-Programm vor allem darum, die eigenen, wirklichen Motive zu erforschen. Warum tue ich Dinge? Ich hatte nie gelernt, ehrlich und direkt zu sein. Ich wich deshalb oft darauf aus, zu versuchen, durch Manipulation von Situationen und Menschen meine Ziele zu erreichen. Außerdem musste ich mein süchtiges Verhalten (Alkohol und Lüsternheit) verbergen. Auch Scham machte mir eine offene Begegnung mit Menschen schwer.

Von meinen alten Mustern möchte ich mich heute lösen. Ich möchte meine wahren Wünsche und Bedürfnisse ergründen, sie prüfen und dann offen kommunizieren und angehen. Dabei hilft es mir, Gott, also die helfenden geistigen Kräfte, um Hilfe zu bitten. Ich werde so empfänglich für das, was sein soll und sein kann.

Nach diesem kurzen Gebet kann ich meinen Tag durchdenken. Oft geht das ganz schnell. Manchmal mache ich mir an dieser Stelle auch Notizen, wie der Tag aussehen soll. Und manchmal gibt es Themen, bei denen mir unklar ist, wie ich damit umgehen soll.

Gebet um Inspiration

Früher versetzten mich solche unklaren Themen oder Entscheidungssituationen einfach in Angst und Aufregung. Gegen die Angst und Aufregung nahm ich dann irgendwann wieder mein Betäubungsmittel „Lüsternheit“ ein. Anschließend fühlte sich alles noch dramatischer und schlimmer an.

In diesen Kreislauf muss ich heute nicht mehr einsteigen. Ich bitte um Hilfe – und lasse los. Das Blaue Buch beschreibt dies so:

Beim Nachdenken über unseren Tag kann es möglich sein, dass wir unentschlossen sind. Es kann sein, dass wir die Richtung nicht bestimmen können, die wir einschlagen sollen. Hier bitten wir Gott um Eingebung, um Erkenntnis oder um eine Entscheidung. Wir entspannen uns und nehmen es leicht. Wir quälen uns nicht. Oft sind wir erstaunt, wie die richtigen Antworten kommen, wenn wir es eine Weile so versucht haben. Was vorher nur eine Ahnung oder eine gelegentliche Eingebung war, wird allmählich ein wirksamer Bestandteil unseres Denkens.

Anonyme Alkoholiker, Seite 100

In thinking about our day we may face indecision. We may not be able to determine which course to take. Here we ask God for inspiration, an intuitive thought or a decision. We relax and take it easy. We don’t struggle. We are often surprised how the right answers come after we have tried this for a while. What used to be the hunch or the occasional inspira­tion gradually becomes a working part of the mind. Being still inexperienced and having just made con­scious contact with God, it is not probable that we are going to be inspired at all times. We might pay for this presumption in all sorts of absurd actions and ideas. Nevertheless, we find that our thinking will, as time passes, be more and more on the plane of in­spiration. We come to rely upon it.

Alcoholics Anonymous, page 86 f.

Ich kann mich also mit allen Fragen und Zweifeln an meine Höhere Macht wenden. Praktisch sage ich dann etwa:

Gott, ich weiß nicht, ob ich heute das Gespräch mit meinem Chef zum Thema X suchen soll, oder nicht. Ich bitte Dich um Eingebung, um Erkenntnis oder um eine Entscheidung.

Und dann: Lasse ich los.

Wir entspannen uns und nehmen es leicht.

Wie es ein Slogan auf den Punkt bringt:

Loslassen und Gott überlassen. Let go and let God.

Natürlich gelingt mir das nicht immer. Ein brenzliges Thema kann brenzlig bleiben. Aber alleine das Wissen, dass ich mit diesem Thema nicht mehr alleine bin, dass ich es Gott anvertrauen darf, hilft mir schon. Anders als früher fühle ich mich mit meinen Schwierigkeiten und Problemen nicht mehr verzweifelt allein im Universum. Es gibt Kräfte, die sich sorgen und die mich unterstützen.

Das Blaue Buch spricht von törichten Ideen und Handlungen, die manchmal aufkommen, weil wir die falsche Erwartung hegen, jederzeit inspiriert zu sein. Für mich lautet hier die wichtige Botschaft: Lass‘ dir Zeit. Brich nichts über Knie. Fast alle Entscheidungen können erst (einige Nächte) überschlafen werden!

Mit Programmfreunden und dem Sponsor über Schwierigkeiten sprechen

Und es gibt noch ein wichtiges Werkzeug in der Genesung, mit dessen Hilfe sich viele solcher törichten Ideen und Handlungen vermeiden lassen: Das ist das Gespräch mit Programmfreunden und dem Sponsor. Gerade erfahrene Freunde und Sponsoren erkennen oft aufgrund ihrer eigenen Erfahrung, wenn ein anderer sich auf einem gefährlichen Weg befindet, wenn z.B. die Lüsternheit oder das Ego dabei sind, den weiteren Weg zu diktieren.

Daher ist es sehr wichtig, regelmäßig mit Programmfreunden und dem Sponsor in Kontakt zu sein. Ich selbst zum Beispiel telefoniere meistens wöchentlich sowohl mit meinem AS- als auch mit meinem AA/ACA-Sponsor. Außerdem bin ich regelmäßig morgens zu einem Gespräch mit einem Programmfreund verabredet, bei dem wir uns darüber austauschen, wie es uns heute mit den wesentlichen Themen geht (Lüsternheit, Resentment, Angst, sonstigen Charakterfehlern und unserem Verhalten anderen gegenüber). Dazu kommt der Austausch im Meeting und mit Sponsees.

Was für eine Erleichterung: Ich bin nicht mehr alleine. Ich darf mir Hilfe holen.

Abschluss der Tagesplanung

Im Allgemeinen schließen wir die Zeit der Besinnung mit einem Gebet ab. Wir bitten, dass uns den ganzen Tag über gezeigt wird, was unser nächster Schritt sein soll. Wir bitten darum, dass uns gegeben wird, was wir zur Lösung der Probleme brauchen. Besonders bitten wir darum, von Eigenwillen frei zu bleiben. Wir hüten uns auch davor, nur für uns selbst etwas zu erbitten. Das können wir allenfalls, wenn dadurch anderen geholfen wird. Aber wir vermeiden es, selbstsüchtig für unsere eigenen Ziele zu beten. Viele von uns haben damit eine Menge Zeit vergeudet. Aber so etwas funktioniert nie. Sie können leicht sehen, warum.

Anonyme Alkoholiker, Seite 100 f.

We usually conclude the period of meditation with a prayer that we be shown all through the day what our next step is to be, that we be given whatever we need to take care of such problems. We ask especially for freedom from self-will, and are careful to make no request for ourselves only. We may ask for ourselves, however, if others will be helped. We are careful never to pray for our own selfish ends. Many of us have wasted a lot of time doing that and it doesn’t work. You can easily see why.

Alcoholics Anonymous, page 87

Für mein kurzes Abschlussgebet nach der Tagesplanung nutze ich diesen Text des Blauen Buchs und ergänze ihn manchmal, etwa so:

Gott, ich bitte Dich, mir den ganzen Tag über zu zeigen, was mein nächster Schritt sein soll und mir das zu geben, was ich zur Lösung meiner Probleme brauche; vor allem Freiheit von Eigenwillen und Angst – dass ich mich heute dem Fluss des Lebens anvertrauen kann.

Den Satz, dass ich nicht für mich selbst etwas erbitten soll, lese ich im Zusammenhang mit den ihm folgenden Sätzen. In meinen Augen geht es bei diesem Hinweis darum, nicht aus meinem Ego heraus und nicht für selbstsüchtige Ziele zu bitten. Natürlich darf ich Gott um alles bitten. Aber Gott ist kein „kosmischer Diener“. Ich weiß heute, dass jede Bitte gefärbt sein kann von selbstsüchtigen Motiven. Selbst die Bitte: „Lass‘ XY gesund werden“, kann egoistisch sein. Ich will, dass XY Zeit für mich hat und für mich da ist. Ich möchte mich nicht um ihn kümmern müssen, er soll sich um mich kümmern.

Ich bin deshalb mit konkreten Bitten zurückhaltend. Konkret bitte ich nur um Trockenheit und darum, dass ich den Anforderungen begegnen kann, die das Schicksal für mich bereit hält. Ja, ich wünsche mir Freude, Zufriedenheit und Glück für mein Leben. Diese stellen sich aber ein, wenn ich mein Schicksal annehmen kann und meine von Angst getriebenen Forderungen loslasse. Ein Beispiel: Ich habe erlebt, dass ich krank im Bett lag und dennoch das Gefühl hatte, dass alles in Ordnung ist. Ich war in dieser Situation ganz im Hier und Jetzt und konnte alle Forderungen loslassen. – Darum geht es. In so einer Wachheit möchte ich leben und so möchte ich irgendwann sterben können. Ohne Betäubungsmittel, ganz lebendig.

Programmliteratur lesen

Wenn es zeitlich klappt, lese ich anschließend eine Tagesmeditation oder andere Textabschnitte aus der Programmliteratur.

Meditation und Besinnung – in Gemeinschaft und alleine

Wie sehr die AA-Pioniere gemeinschaftlich verbunden waren und auch ihre Spiritualität gemeinsam lebten, lässt die folgende Textstelle erahnen, die den Abschnitt im Blauen Buch über die Morgenroutine abschließt:

Wenn es geht, bitten wir unsere Frauen [die ersten AA waren fast ausschließlich Männer] oder unsere Freunde, an der morgendlichen Besinnung teilzunehmen. Wenn wir zu einer Religionsgemeinschaft gehören, die eine festgelegte Morgenandacht kennt, nehmen wir auch daran teil.

Wenn wir keiner Konfession angehören, können wir passende Gebete auswählen und lernen [which emphasize the principles we have been discussing]. Dafür gibt es viele hilfreiche Bücher. Vorschläge kann man von seinem Priester, Geistlichen oder Rabbiner erhalten. Seien Sie offen, auch von gläubigen Menschen zu lernen. Machen Sie Gebrauch von dem, was sie Ihnen zu bieten haben.

Anonyme Alkoholiker, Seite 101

If circumstances warrant, we ask our wives or friends to join us in morning meditation. If we belong to a religious denomination which requires a definite morning devotion, we attend to that also. If not mem­bers of religious bodies, we sometimes select and memorize a few set prayers which emphasize the principles we have been discussing. There are many helpful books also. Suggestions about these may be obtained from one’s priest, minister, or rabbi. Be quick to see where religious people are right. Make use of what they offer.

Alcoholics Anonymous, page 87

Diese Textstelle zeigt auch, dass die Übersetzung „Besinnung“ für das englische Wort „meditation“ gut gewählt ist. Damals (das Blaue Buch wurde 1939 veröffentlicht) verstand man darunter die Betrachtung eines Textes und die Beschäftigung mit diesem. Diese Besinnung konnte alleine oder gemeinschaftlich stattfinden. Auch ein Gebet in Gemeinschaft war möglich. An Anfang war dies vor allem das Vaterunser. Dabei sind die Anonymen Alkoholiker oder Anonymen Sexaholiker selbst keine Kirche oder religiöse Gruppe. Sie sind spirituell, aber religiös neutral, und haben deshalb für jede Form von Spiritualität und Glauben Platz – wenn es in den Texten um Gott oder die Höheren Kräfte oder Mächte geht, ist immer der Zusatz mitgedacht:

wie Du Gott verstehst.

Seit Neuestem mache ich zum Abschluss meines Morgenprogramms eine Atemübung. Das funktioniert gut, weil die Kraft und Ruhe aus den Gebeten und Gedanken, die ich vorher aufgenommen habe, während der Übung fortwirken kann.

Früher habe ich auch schon andere Sachen an dieser Stelle gemacht, zum Beispiel Morgenseiten geschrieben, eine Übung gegen meine posttraumatische Belastungssörung gemacht, Programmtexte gelesen…

Hier kann jeder das einfügen, was seiner spirituellen Richtung entspricht oder gerade notwendig ist.

Sonntags gehe ich mit meiner Frau zusammen in die Kirche, die ich während meiner Trockenheit als Ausdruck meiner Spiritualität „entdeckt“ habe.

Und dann, so gerüstet und gestärkt, geht es in den Alltag – der mein neues, nüchternes Leben ist.

(Beitrag zuletzt aktualisiert am 1. Januar 2021)

Schreibe einen Kommentar