Selbsterforschung, Gebet und Meditation nach dem Blauen Buch (3): Tagsüber

(Hier geht es zur Einleitung in diese Beitragsreihe.)

Nach der Morgenroutine und dem Frühstück hat nun der Alltag begonnen. Schnell tritt die in der Einleitung angesprochene Schwierigkeit auf: Ich versuche, ein auftretendes Problem zu lösen. Es klappt nicht, wie ich möchte. Anstatt loslassen zu können, verbeiße ich mich immer weiter darin. Ich kann nicht mehr aufhören.

Das Muster ähnelt einem Rausch bzw. einer Sauftour. Einmal das „erste Glas“ des Problems zu mir genommen, kann ich nicht mehr aufhören, bis ich die „Sauftour“ hinter mir habe. Und nach so einer „Problem-Sauftour“ bin ich auch verkatert – seelisch verkatert.

Wie kann ich versuchen, in so einen Automatismus gar nicht erst einsteigen zu müssen? Eine Möglichkeit ist, den Empfehlungen des Blauen Buchs für „Tagsüber“ und denen zum Zehnten Schritt zu folgen. Auch hier geht es wieder darum, im Tageslauf Selbsterforschung, Gebet und Meditation so miteinander zu verbinden und ineinandergreifen zu lassen, dass die unerschütterliche Lebensgrundlage entstehen kann, von der in dem Buch Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen die Rede ist. Es geht darum, Gottes Willen für mich herauszufinden und ihn zu tun. (Und wenn von Gott die Rede ist, ist natürlich immer Gott gemeint, wie Du ihn verstehst – Deine persönliche Vorstellung von einer Kraft, die größer ist als Du selbst.)

Im Blauen Buch gibt es eine konkrete Anleitung dafür, wie man mit Schwierigkeiten umgehen kann, die im Laufe des Tages auftreten.

Der erste Text, der hier vorgestellt werden soll, findet sich im Blauen Buch im Kapitel 6 „In die Tat umgesetzt“. In diesem Abschnitt geht es um den elften Schritt. Er beginnt auf Seite 101 unten mit den Worten „Wenn wir tagsüber unruhig sind oder in Zweifel geraten“. Zu dem Text zum zehnten Schritt komme ich in einem späteren Beitrag.

Wie schon in den vorangegangenen Beiträgen, stelle ich die deutsche Übersetzung und das englische Original nebeneinander. Zunächst der ganze Abschnitt:

Wenn wir tagsüber unruhig sind oder in Zweifel geraten, machen wir eine Pause und bitten um richtiges Denken und Handeln. Ständig halten wir uns vor Augen, dass wir nicht mehr diejenigen sind, die alles bestimmen. Demütig sagen wir uns jeden Tag viele Male: „Dein Wille geschehe!“ Dann sind wir viel weniger den Gefahren von Aufregung, Furcht, Wut, Sorge, Selbstmitleid oder törichten Entscheidungen
ausgesetzt. So werden wir wesentlich leistungsfähiger. Wir ermüden nicht so schnell. Wir verbrauchen unsere Energien nicht mehr so leichtsinnig wie früher, als wir unser Leben so einrichten wollten, wie es uns gerade passte.
Es funktioniert – es funktioniert wirklich.

Anonyme Alkoholiker, Seite 101 f.

As we go through the day we pause, when agitated or doubtful, and ask for the right thought or action. We constantly remind ourselves we are no longer running the show, humbly saying to ourselves many times each day “Thy will be done.’’ We are then in much less danger of excitement, fear, anger, worry, self-pity, or foolish decisions. We become much more efficient. We do not tire so easily, for we are not burning up energy foolishly as we did when we were trying to arrange life to suit ourselves.
It works—it really does.

Alcoholics Anonymous, page 87 f.

Im Folgenden werde ich die Ausführungen des Blauen Buchs nach und nach durchgehen und meine Erfahrungen mit dem jeweils zitierten Abschnitt schildern.

Wenn wir tagsüber unruhig sind oder in Zweifel geraten

Das ist so oft der Fall. Früher war ich mir dessen gar nicht bewusst, weil es zu meiner Grundstimmung gehörte, unruhig und in Zweifeln zu sein und mich angegriffen zu fühlen.

Wenn ich mich in so einer Stimmung einfach „gehen lassen“ (und das ist auch heute noch oft der Fall), dann beobachte ich zum Beispiel Folgendes:

Meine Stimmung ist ängstlich. Ich fühle eine „Bedrohung“. Ich „identifiziere“ eine Situation oder eine Person, die diese Bedrohung darzustellen scheint. Zum Beispiel gibt es eine „Corona-Einschränkung“ und ich denke an das Ordnungsamt, dass mich kontrollieren könnte. Schon in meiner Phantasie kann es nun zu einer vorstellten Situation kommen, in der ich ein Streitgespräch mit Ordnungsamtsmitarbeitern führe. Ich steigere mich in die Situation herein und erleide schließlich einen inneren Wutausbruch oder eine starke innere Stresssituation – selbst verursacht. Es gab keine Kontrolle. Kein Streitgespräch. Eigentlich gab es in mir nur eine Grundangst für die ich den – vermeintlichen – Anlass gesucht habe.

Ein anderes Beispiel:

Ich habe einen Termin, zu dem eine längere Anreise erforderlich ist. Kurz vor dem Losfahren stelle ich fest, dass ich den Autoschlüssel verlegt habe. Ich gerate in sehr starke Unruhe. Die oben beschriebene „Problem-Sauftour“ beginnt. 60 Minuten später habe ich den Schlüssel immer noch nicht gefunden und bin sehr erschöpft von der Panik. Ein Tag später, zwischenzeitlich habe ich mich beruhigt und konnte am Vortag sogar den Termin per Videokonferenz durchführen, fällt mir ein, wo der Schlüssel ist.

Natürlich ist so ein Schlüsselverlust eine aufregende Situation. Aber bei mir geht die Aufregung eine Ebene tiefer. Sie rührt tiefe Ängste und Bedrohungsgefühle an. Das Gefühl: „Es wird etwas sehr Schlimmes passieren, wenn ich versage,“ kommt ebenso auf, wie die Angst „Ich werde nicht mehr gemocht und schließlich verlassen werden.“

Es ist so anstrengend, über Jahre und Jahrzehnte immer wieder in diesen Situationen leben zu müssen. Kein Wunder, dass ich da ein (mehrere) Beruhigungsmittel brauchte.

Ist es möglich, aus diesen Angst-, Unruhe- und Bedrohtheitszuständen herauszukommen ohne erst durch die Stress-Tour, die Wut-Tour und die Angst-Tour hindurchgehen zu müssen?

Ja, das ist es. Ich kann es aber nicht alleine. Meine Kraft reicht nicht, denn die Angst, die all dem zugrundeliegt, ist so tief und so groß. Ich brauche eine Kraft, die größer ist, als ich selbst. Traditionell nennt man diese Kraft Gott. Es gibt tausend andere Namen für sie. Das schöne an dem Wort „higher power“, dass in der Original-Literatur auftaucht ist, dass man es für sich so vielfältig übersetzen kann, etwa höhere Kraft, höhere Macht, himmlische Kräfte oder Himmelsmächte – ein Programm-Freund sprach von seiner Buddha-Natur – so vielfältig und individuell ist der Zugang.

Eine solche höhere Kraft brauche ich. Eine Kraft, größer als ich selbst. Wie kann ich in einer solchen Situation mich dieser Kraft öffnen; denn darum geht es: Den helfenden Kräften die Hand zu reichen, damit sie mich aus der Situation „ziehen“ können. Damit ich mich aus der Situation „ziehen“ kann, mit ihrer Hilfe.

… machen wir eine Pause und bitten um richtiges Denken und Handeln.

Die Pause ist der erste und unerlässliche Schritt. Ohne Pause läuft die Stress-Tour etc. weiter. (Ich habe vor längerer Zeit einen ausführlichen Beitrag über „Die Pause im Programm“ geschrieben, der hier abrufbar ist.)

Und dann – und das ist so entscheidend, und ich tue es so oft nicht – dann muss dieses kurze Gebet folgen (oder auch ein längeres oder anderes):

Gott [höhere Kraft meines Verständnisses], ich bitte Dich um richtiges Denken und richtiges Handeln.

Die Reihenfolge ist entscheidend und dass ich beides tue:

  • Pause; das bedeutet: Innehalten und einen freien Raum schaffen
  • Gebet

Ich habe schon oft nur eines von beidem getan. Entweder nur kurz innegehalten, um dann in der gleichen Stimmung weiterzumachen. Oder kurz-schnell gebetet, mich aber durch die fehlende Pause nicht verbinden können. Seit kurzem versuche ich, beides zu tun. Und es wirkt. Ich habe gemerkt, dass sich wirklich etwas ändert, wenn ich beides mache. Es ist aber wie bei der lüsternen Versuchung: Ich muss eine Versuchung nach der anderen loslassen, kapitulieren. Es reicht nicht, einmal zu kapitulieren und dann zu glauben, jetzt sei das „Problem“ für diesen Tag erledigt.

Ich muss eine Unruhe nach der anderen loslassen:

  1. Die Gefühlslage wird mir deutlich, 2. Pause, 3. Gebet. Etwas verändert sich. Ich lasse mir helfen. Dann von vorne: Es fällt mir wieder auf, dass ich in Unruhe gerate: Pause – Gebet. Es wird wieder von mir genommen. Usw. Der gleiche Prozess wie bei der Lüsternheit.

Was steckt dahinter?

Dein Wille geschehe

Wie es in dem Zitat heißt:

Ständig halten wir uns vor Augen, dass wir nicht mehr diejenigen sind, die alles bestimmen. Demütig sagen wir uns jeden Tag viele Male: „Dein Wille geschehe!“

Dieser Satz „Dein Wille geschehe“ ist sehr schwierig für mich. Da tritt immer noch mein altes Gottesbild zutage. Gott war früher in meinem Gefühlsleben wie mein gewalttätiger, sadistischer Grundschullehrer. Der Wille von so einem Gott kann nichts Gutes versprechen. Der soll gerade nicht geschehen.

Daher muss ich mich, bevor ich diesen Satz sage, darauf besinnen, was ich heute über dieses Gotteswesen denke. Dass es ausschließlich helfen will, dass ich gesund werden kann. Gott will uns glücklich, voller Lebensfreude und frei haben! Wir sollen wachsen! – Das ist jedenfalls der Teil dieser Empfehlungen, den ich noch viel üben muss.

Das Ende der Kraftvergeudung

Der Text endet mit einem Versprechen:

Dann sind wir viel weniger den Gefahren von Aufregung, Furcht, Wut, Sorge, Selbstmitleid oder törichten Entscheidungen
ausgesetzt. So werden wir wesentlich leistungsfähiger. Wir ermüden nicht so schnell. Wir verbrauchen unsere Energien nicht mehr so leichtsinnig wie früher, als wir unser Leben so einrichten wollten, wie es uns gerade passte.

Auch wenn ich noch am Anfang dieses „Tagsüber-Weges“ stehe, habe ich diese Wirkung schon bemerkt. In meiner Suchtzeit war ich ständig erschöpft und abgekämpft. Meine Begleiter waren eben jene Aufregung usw. Ich hatte noch nie so viel Energie und übrigens auch ein so klares Denkvermögen, wie heute.

Diesen Weg möchte ich weiter gehen. Das Zwölf-Schritte-Programm gibt mir soviel Hoffnung, dass ich zu einer immer größeren inneren Ruhe und Gelassenheit finden kann.

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