Selbsterforschung, Gebet und Meditation nach dem Blauen Buch (4): Am Abend (Exkurs: Lüsternheit im Schlaf)

(Hier geht es zur Einleitung in diese Beitragsreihe.)

Als ich 2008 zu den Anonymen Alkoholikern kam, gab mir eine Oldtimerin eine Empfehlung:

Bitte Gott morgens um einen trockenen Tag und sage Ihm abends danke dafür.

Noch heute ist es so: Selbst wenn sonst an einem Tag nichts klappen sollte, dieses Morgen- und Abendgebet spreche ich immer. Über das Morgengebet habe ich hier geschrieben.

Abendgebet

Mein Abendgebet lautet ungefähr so:

Gott, ich danke Dir, dass ich heute keinen Alkohol zu trinken brauchte und ich danke Dir, dass ich heute sexuell trocken sein konnte.
Bitte beschütze mich vor der Lüsternheit im Schlaf.
Du weißt, dass ich im Schlaf manchmal lüstern sein möchte.
Bitte schenke mir die Bereitschaft, die Lüsternheit loszulassen, falls sie im Schlaf aufkommen sollte.

Warum bitte ich um Schutz vor Lüsternheit im Schlaf? Weil mir irgendwann bewusst geworden ist, dass ich die Lüsternheit auch in den Schlaf „hineinverlagern“ kann. Dass ich versuchen kann, mir dort zu „holen“, was ich mir tagsüber versage. Wenn ich lüstern träume und vielleicht einen Samenerguss im Schlaf habe, dann kann ich mir schließlich einreden, dass ich ja nichts dafür konnte. Schließlich habe ich ja keine Kontrolle über meine Träume.

Das ist zwar grundsätzlich zutreffend und es gibt Freunde im AS-Programm, die mit Lüsternheit im Schlaf erhebliche Probleme haben, obwohl sie alles ihnen Mögliche dagegen tun.

Ich habe bei mir aber bemerkt, dass sich etwas geändert hat, seitdem ich dieses Gebet spreche. Weil es meine Wahrheit wiedergibt. Manchmal habe ich den Schlaf als einen Bereich genutzt, lüstern sein zu können.

Dabei habe ich bemerkt, wie riskant das ist. Lüsterne Traumbilder können sich einprägen wie Videobilder oder ähnliches. Sie können den Suchtkreislauf wieder in Gang bringen, wenn ich mich nicht wieder von ihnen befreien kann.

Seitdem ich dieses Thema in mein Abendgebet aufgenommen habe, hat sich etwas verändert.

Zwei Arten lüsterner Träume

Um diese Veränderung beschreiben zu könne, muss ich kurz auf die zwei Arten von lüsternen Träumen eingehen, die ich kenne.

Die eine Art ist eher unkörperlich bzw. distanziert. Ich träume zwar lüsterne Szenen, fühle mich aber nicht stark involviert. Diese Art von Traum kann ganz ohne Erregung oder Erektion ablaufen. Es können anschließend zwar Erinnerungen an Traumbilder überbleiben, die ich mit jemandem explizit teilen muss, um sie loslassen zu können. Der Traum als solcher stellt aber keinen nenneswerten Reiz dar (solange ich ihn nicht zu einem solchen mache, indem ich ihn zum Beispiel erneut „abspiele“).

Anders verhält es sich mit der anderen Art Traum. Dieser wirkt sehr stark körperlich und unmittelbar. Es fühlt ich an, als wäre ich an der geträumten Szene aktiv lüstern beteiligt. Diese Träume enden, werden sie nicht unterbrochen, gewöhnlich mit einem Samenerguss. Das außerdem oft verbleibende lüsterne Verlangen (craving) ist gefährlich, da es den unwiderstehlichen Sog nach „mehr Lüsternheit“ auslösen kann – die körperliche „Allergie“ von der das Blaue Buch spricht. Setzt diese ein, ist der Sexsüchtige ihr völlig ausgeliefert.

Diese Art von Träumen kann also dasselbe zerstörerische Potential entfalten, wie der Konsum einer pornographischen Filmszene oder anderen Formen lüsternen „Trinkens“.

Auswirkungen der Bitte um Schutz vor Lüsternheit im Schlaf

Seitdem ich die obige Passage in mein Abendgebet aufgenommen habe, hat sich zum einen die Häufigkeit dieser zweiten Art von lüsternen Träumen sehr verringert. Sie sind selten geworden.

Zum anderen werde ich in der Regel während des Traumes vor dem Samenerguss wach und spüre, dass ich eine Wahl habe. Ich bekomme die Wahl, aufzuhören. Die höheren Kräfte, deren Hilfe ich mich durch das Gebet anvertraut habe, helfen mir!

Wache ich in so einem Moment auf, habe ich beide Seiten in mir. Die Seite, die gerne im lüsternen Traum bleiben möchte und die Seite, die die Chance sieht, aussteigen zu können, aussteigen zu dürfen! Es ist sehr faszinierend, dass es auch hier eine Wahl gibt, sogar im Halbschlaf, im Traum! Instinktiv erinnere ich mich auch im Halbschlaf daran, dass es nur Schwierigkeiten bringen wird, wenn ich dem Impuls zum Weitermachen folge.

Bisher war es so, dass ich lediglich in zwei Fällen zu spät aufwachte. in allen anderen Fällen konnte ich kapitulieren, d.h. loslassen und aus dem Traum aussteigen.

In der konkreten Situation hilft mir dabei ein einfaches Gebet (für komplizierte Sachen bin ich ohnehin nicht wach genug): „Gott, bitte hilf mir!“ oder „Gott, bitte hilf mir, dass ich nicht lüstern sein muss.“ Es kann auch helfen, ein Gebet immer zu wiederholen oder ein längeres Gebet zu sprechen.

Früher bin ich in solchen Situationen aufgestanden, um mich zunächst endgültig von dem Traum zu lösen. Um auf andere gedanken zu kommen, habe ich ein oder zwei Märchen der Gebrüder Grimm gelesen (auch bei Einschlafproblemen sehr empfehlenswert!).

Heute schlafe ich anschließend meistens direkt wieder ein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der lüsterne Traum, wenn er so unterbrochen wurde, nicht zurückkehrt.

War der Traum sehr triggernd oder beunruhigend, musste ich auch schon zunächst aufstehen und mich beruhigen. Sehr hilfreich ist es in so einer Situation, ein oder zwei Märchen der Gebrüder Grimm zu lesen. Das hilft mir auch in den zum Glück seltenen Fällen, dass ich nicht einschlafen kann.

Persönlich habe ich sehr viel Mitgefühl mit Freunden, die irgendeine Form von Lüsternheit im Schlaf einfach nicht loswerden. Ihnen wünsche ich etwas, was ich bei den Erwachsenen Kindern von Alkoholikern/ aus dysfunktionalen Familien (ACA) gelernt haben:

Wir lernen, uns mit Sanftheit, Humor, Liebe und Respekt selbst gute Eltern zu sein.

Aus der „Lösung“ von ACA

Denn Gott möchte uns glücklich, voller Lebensfreude und frei sehen. Ich war fast drei Jahrzehnte lang in der Sucht. Da ist es kein Wunder, wenn Schäden oder Behinderungen zurückbleiben, mit denen ich leben muss.

Das schmerzende Knie

Mein Sponsor hat mir hierfür folgendes Bild gegeben: Mit solchen Überbleibseln der Sucht ist es wie mit den Schwierigkeiten nach einem operierten Knieschaden. Wenn ich nach einem Knieschaden eine OP habe und wieder laufen kann, dann schmerzt das Knie dennoch vielleicht bei manchen Bewegungen oder bei Überlastung. Aber im Großen und Ganzen ist alles in Ordnung.

So ist es auch mit meiner Sucht heute. Sie ist nicht mehr aktiv, die „AS-Kur“ hat geholfen. Ich kann wieder laufen! Bei manchen Bewegungen oder bei Überlastung mag es schmerzen. Aber das erinnert mich dann daran, wo ich herkomme und wie krank ich war. Jetzt bin ich dankbar für meinen Weg der Genesung! Ich werde gesund!

Wenn es also wehtut: Das ist nur das schmerzende Knie!

Eigentlich sollte es in diesem Beitrag nur kurz um das Abendgebet und dann um die weiteren Empfehlungen im Blauen Buch für die Zeit vor dem Zu-Bett-Gehen gehen. Nun ist es ein Exkurs über Lüsternheit im Schlaf geworden. Wer mehr über das Abendprogramm lesen möchten, kann hier weiterlesen (der Beitrag folgt in Kürze und wird dann verlinkt).

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