Sechs Empfehlungen für den Genesungsalltag (Teil 1)

Mein erster Sponsor bei den Anonymen Alkholikern gab mir sechs Empfehlungen, die meinem Alltag einen „Genesungsrahmen“ gaben. Auch wenn ich mein „Tagesprogramm“ seitdem variiert habe, enthalten die Empfehlungen Kernpunkte, die für mich auch heute noch eine Rolle spielen.

Ich gehe die Empfehlungen in diesem und den nächsten Blogbeiträgen durch und schreibe dazu, wie meine Erfahrungen mit dem jeweiligen Punkt sind und wie ich ihn heute sehe.

Ein Hinweis: Das Zwölf-Schritte-Programm ist ein spirituelles, kein religiöses Programm. Über meine eigenen Schwierigkeiten mit der spirituellen Natur und den Empfehlungen des Programms habe ich unter anderem hier und hier geschrieben.

Sechs Empfehlungen

  1. Bete (kniend):
  • MORGENS – bitte um einen trockenen Tag; lies “Nur für Heute”*; lies die Dankbarkeitsliste durch; (*einen Link zum „Nur für Heute“-Text gibt es hier)
  • ABENDS – schreibe eine Dankbarkeitsliste; bedanke Dich für den trockenen Tag.

Diese Bitte und der Dank sind heute noch Teil meiner Gebete. Sie geben meinem Tag den Rahmen. Morgens lauten die Kernsätze: Gott, ich bitte Dich, dass ich heute keinen Alkohol zu trinken brauche und ich bitte Dich, dass ich heute sexuell trocken sein kann. Ich werde das erste Glas Alkohol stehen lassen, und ich werde die Lüsternheit nicht füttern und nicht sexuell ausagieren – mit Deiner Hilfe, nur für heute.

Abends ergänze ich den Dank noch um die Bitte, mich vor der Lüsternheit im Schlaf zu beschützen und mir die Bereitschaft zu geben, die Lüsternheit loszulassen, falls sie auftreten sollte. Denn ich bin auch schon im Traum in die Lüstenheit „geflohen“ und habe festgestellt, dass das offene Aussprechen dieser Tatsache im Gebet und die Bitte um Trockenheit manchmal dazu führen, dass ich rechtzeitig wach werde, statt z.B. im Traum den Geschlechtsverkehr zu vollziehen.

Ist es erforderlich, sich zum beten hinzuknien? Ich glaube, dass meine Gebete gehört werden, und sie werden gehört, ob ich liege, sitze, stehe oder kniee. Ich habe aber gemerkt, dass mir das Knieen hilft, mich innerlich auszurichten. Deshalb bin ich dabei geblieben.

Die Dankbarkeitsliste ist ein wichtiges Werkzeug, um aus dem Selbstmitleid und der Negativität herauszukommen. Ich habe sie mehrere Jahre lang jeden Abend geschrieben und am morgen durchgelesen. Dadurch bin ich erst darauf aufmerksam geworden, wie viel Positives in meinem Leben ist, das ich vorher als selbstverständlich hingenommen hatte. Überhaupt ist Dankbarkeit so wichtig, weil sie vor Selbstmitleid auf der einen und Stolz und Überheblichkeit auf der anderen Seite schützt.

Eine weitere Empfehlung einer AA-Freundin war in diesem Zusammenhang, beim Gehen bei jedem Schritt leise „Danke“ zu sagen und dabei daran zu denken, wofür ich dankbar bin. Ich habe diese Empfehlung in schwierigen Zeiten angewendet und mir dabei auch die Gesichter meiner Freunde vorgestellt. Dabei entwickelte sich eine zarte Freude, trotz der Anspannung, unter der ich stand.

Die Dankbarkeitsliste ist heute für mich vor allem ein Mittel zum Löschen bzw. Umwandeln innerer Brände. Wenn ich mich über etwas oder jemanden sehr aufgrege, dann stoppe ich und schreibe eine Kurzinventur und eine kurze Dankbarkeitsliste. Das hilft, dass ich aus der Selbstzentriertheit herauskomme und nicht aus der Wut heraus handeln muss, und dabei mich oder andere verletze.

Die erste Empfehlung würde ich daher jedem ans Herz legen, der sich auf den Weg der Genesung begibt.

Hier geht es weiter zur zweiten Empfehlung.

Ein Kommentar

W. 21. November 2018 Antworten

Ich schließe mich hier vollständig an. Leider fehlt mir manchmal die Konsequenz zum täglichen umsetzen. Wie bekommst Du es hin, tatsächlich täglich zu schreiben?

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