Scham, Rabbi Sussja und Ich-Werdung

Als ich mit meinem Sponsor darüber sprach, dass manche AS-Freunde ihre Scham und ihre Minderwertigkeitsgefühle nicht loslassen können, sagte er:

Weil wir die Scham lieben. Sie ist wie eine negative Schutzhülle oder Decke für uns. Wenn ich mich schäme, dann isoliere ich mich wie früher. So muss ich nichts ändern. Ich bin eben einfach eine furchtbare Person. Wenn ich sage: „Gott hasst mich,“ dann brauche ich mich nicht zu ändern.

Diese Situation kann gerade auch nach dem ersten Schritt eintreten. Wenn ich mir im ersten Schritt die Geschichte meiner Sexsucht anschaue, dann treten meine Mängel und meine Machtlosigkeit voll zutage. Da kann der Impuls kommen: Nur weg von hier!

Schlüpfe ich dann unter diese negative, vertraute Decke, unter der ich so viele Jahre zitterte, und suche wieder die giftige Wärme und Betäubung der Sucht?

Mein Sponsor empfahl für die Arbeit im zweiten Schritt, mir und dem Sponsee Folgendes klarzumachen; es ganz tief in mein Inneres aufzunehmen. Ich kann mir sagen:

Gottes Perspektive ist: „Ich weiß, was Du getan hast. Ich weiß, dass Du eine Suchterkrankung hast und machtlos bist – derzeit. Aber ich liebe Dich trotzdem. Ich liebe Dich und ich möchte, dass Du glücklich, voller Lebensfreude und frei sein kannst.“

Gott sieht das Gesamtbild. Auch die Sucht. Und auch das Potential. Und auch die Möglichkeit der Genesung. Damit ich mich zu dem hin entwickeln kann, als der ich gedacht bin. Dann bleibe ich nicht, wie ich bin. Ich handle. Ich gehe weiter auf dem Weg der Genesung.

In der Sammlung von Chassidischen Geschichten von Martin Buber gibt es eine Geschichte, die ich oft erzähle. Sie sagt alles das oben Geschriebene in wenigen Worten:

Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Sussja, warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen? In der kommenden Welt wird man mich fragen: Sussja, warum bist du nicht Sussja gewesen?

Das AS-Programm ist für mich ein Programm zur Ich-Werdung. Ich darf und muss mich sehen, wie ich war und wie ich gerade bin. Aber dann muss ich nicht wieder unter die dunkle Decke kriechen. Ich bin geliebt und soll glücklich, voller Lebensfreude und frei leben.

In einem Abschnitt des Blauen Buches wird über den Anonymen Alkoholiker Nummer drei geschrieben (er trägt diese ungewöhnliche Bezeichnung, weil er auch Bill hieß, wie der Gründer der AA). Nachdem er durch die Begegnung mit Bill und Dr. Bob und deren Genesungsgeschichte trocken geworden war, führte er einen Wahlkampf, verlor die Wahl aber knapp. Anschließend heißt es im Text (page 158):

But he had found God – and in finding God had found himself.

Aber er hatte Gott gefunden. Und indem er Gott fand, fand er auch zu sich selbst.

Er ist also Bill geworden. Wer willst Du werden?

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