Rückfallprophylaxe

Vor Kurzem las ich einen Text, der sich sehr gut zur Rückfallvorbeugung nutzen lässt. Er beschreibt Warnhinweise dafür, dass und wann ein Rückfall bevorstehen könnte.

Bill W., einer der zwei Gründer der Anonymen Alkoholiker, hat 1967 Auszüge aus seinen Schriften, Briefen, Diskussionsbeiträgen und weiteren AA-Dokumenten zusammengestellt und in dem Buch „Wie Bill es sieht“ veröffentlicht. Einer dieser Auszüge stammt aus einem Diskussionsbeitrag aus dem Jahr 1960 und trägt die Überschrift „The ‚Slipper‘ Needs Understanding“.  Der „Slipper“ ist jemand, der trocken werden möchte, aber „ausrutscht“, also seine Sucht wieder auslebt. Dieser Mensch braucht unser Verständnis.

Wer den englischen Originaltitel des Buches („As Bill Sees It“) in eine Suchmaschine eingibt, wird das Buch online finden. (Da ich nicht sicher bin, ob die Verlinkung  ein Copyright verletzen könnte, verlinke ich es hier nicht.)

Im Folgenden lege ich die deutsche Übersetzung „Wie Bill es sieht – AA, ein Lebensweg…“ (München 1998) zugrunde, die ich hier und da sprachlich anpasse. Wer sie mit dem Original vergleicht, wird feststellen, dass sie nicht frei von Übersetzungsmängeln ist. Vor allem fehlen sämtliche Quellenangaben für die 332 Textauszüge, die im Original nachgewiesen sind. Das Buch „Wie Bill es sieht“ kann hier bezogen werden.

Bill wirbt in seinem Beitrag um Verständnis für Rückfällige und zählt mögliche Auslöser für Rückfälle auf. Als ich den Text vor kurzem las, wurde mir bewusst: Die dort beschriebenen Auslöser oder Ursachen lassen sich auch zur Rückfallvorbeugung nutzen. Er beschreibt Warnhinweise dafür, dass und wann ein Rückfall bevorstehen könnte. Es wird sich auch zeigen, dass die Aussagen für Sexsüchtige gleichermaßen gelten, wie für Alkoholiker. Ich gehe den Text im Folgenden Stück für Stück durch.

Als erstes benennt Bill:

Rückfälle haben oft ihre Ursache in Auflehnung; einige von uns sind rebellischer als andere.

Da erkenne ich mich sofort wieder! Gerade in den Monaten seit dem letzten Herbst ist so viel geschehen, was bei mir zu starker Auflehnung geführt hat; zu einem inneren Widerstand gegen die Tatsachen des Lebens. Dadurch entstanden Resentments und „Trockenräusche“, Wut und Ablehnung. Mir wurde klar: Da muss ich wieder herauskommen. Denn am Ende könnte der Druck so stark werden, dass sich die Sucht mit ihren falschen Versprechungen meldet: „Suche doch nach einem Porno, dann wird es Dir besser gehen!“ „Fahre ins Sexkino…“ usw. Das bedeutet: Wenn ich Rebellion gegen Tatsachen des Lebens in mir spüre, dann wird es Zeit, das Thema loszulassen und Gott zu überlassen. Oder auch aktiv zu werden und etwas zu ändern, wo ich etwas ändern kann. Um das zu können, wende ich die Werkzeuge des Programms an.

Bills nächster Punkt:

Dem Rückfall kann auch die Illusion vorausgehen, jemand könne vom Alkoholismus/ von der Sexsucht geheilt werden.

Das ist ein „Klassiker“. Bei mir hat er sich so geäußert: Nach einiger Zeit der Trockenheit fiel es leichter mit dem Trocken sein. Dann kamen schon mal so Gedanken, wie: „Vielleicht bist Du doch gar nicht wirklich sexsüchtig. Du warst einfach einsam und hattest viele Probleme. Jetzt, wo es Dir besser geht…“ Zum Glück bin ich spätestens wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen, sobald ich meine Wohnung verlassen habe. Ich vertrug es natürlich nicht, mir die Frauen um mich herum einfach nur anzuschauen. Die lüsterne Besessenheit meldete sich sofort. Ich betete um Hilfe, rief einen Freund an, teilte ihm mit, was geschehen war, und konnte wieder loslassen… Zum Glück… Nein, ich habe nicht die Möglichkeit, kontrolliert mit den „Augen zu trinken“. Die Sucht würde sofort geweckt.

Jetzt, nach mehr als fünf Jahren Trockenheit, schleicht sich die „Lüge“, die Sucht sei heilbar,  manchmal anders in mein Leben ein. Ich spreche z.B. mit einer Frau und denke: „Die ist aber nett. Und sieht auch ganz gut aus. Hübsche Augen…“, und dann bemerke ich, dass ich öfter an die Frau denke. Und dann stelle ich mir die Frage: „Wie ist die eigentlich ‚gebaut'“? Ob sie „gefährlich“ für mich ist? Vielleicht kann ich ja den Kontakt zu ihr pflegen.“ Wenn es bis zu diesem Punkt kommt, wird es höchste Zeit, dieses Denken zu unterbrechen und sofort die Werkzeuge der Genesung anzuwenden. Ich kann es mir nicht leisten, solchen krummen Gedanken nachzugehen. Hinter der nächsten „gedanklichen Kurve“ läge irgendeine Form von Besessenheit, sei es, von dieser Frau, sei es, ein sexueller Gedanke. Ich möchte aber frei von Besessenheit und frei von zwanghaften lüsternen Gedanken leben! Ich bin nicht von der Sexsucht geheilt. Aber wenn ich die Werkzeuge des Programms anwende, kann ich frei von Besessenheit und Zwang leben.

Als nächstes weist Bill auf Folgendes hin:

Rückfälle sind weiterhin auf Leichtsinnigkeit und Selbstzufriedenheit zurückzuführen.

Oh ja! Mal auf das Bild klicken! Mal den Artikel lesen, der eigentlich unverträglich ist. Manchmal höre ich von Freunden, was sie alles so tun, und denke: Das könnte ich nicht vertragen. Manchmal stellt sich dann später heraus, dass sie es auch nicht vertragen haben.

Mein größtes Risiko in Bezug auf „Leichtsinnigkeit“ ist, dass ich mir manchmal einrede, etwas nicht mit Programm-Freunden besprechen zu müssen, weil ich es aufgrund der Dauer meiner Trockenheit „vertrage“. Oder  ich schiebe das Gespräch auf. Die Wahrheit ist aber: Wenn sich bei mir ein Bild festsetzt, z.B. von der Körperform einer Frau, muss ich das in der Regel jemandem mitteilen, um es loslassen zu können. Denn sonst laufe ich Gefahr, mir eine heimliches inneres „Fotoalbum“ oder eine innere „Videothek“ anzulegen. Der Schritt zum Rückfall, indem ich mir dann doch wieder Pornografie anschauen würde, wäre nicht weit. Also lieber die eigene Schwäche zugeben, sie mit jemandem teilen, den Trigger (z.B. das aufgenommene Bild)  loslassen und ihn Gott überlassen.

In Sachen „Selbstzufriedenheit“ ist es bei mir vor allem das Gefühl gefährlich, „weiter“ als andere zu sein. Ich glaube dann, nicht mehr tun zu müssen, was andere für ihre Genesung tun (mehrere Meetings pro Woche besuchen, tägliche Kontakte mit Programm-Freunden, Sponsorgespräche…). Stopp! Alarm! Ich bin ein ganz normaler Sexaholiker! Ich bin sehr dankbar, dass es mir heute so gut geht und ich trocken sein darf. Ich mache mir bewusst, dass ich Dankbarkeit, Ehrlichkeit, Bereitschaft und Demut brauche, um zufrieden trocken zu sein. Dann -und nur dann – kann ich meine Trockenheit erhalten und auf diesem Weg des Wachsens und der Lebensfreude weiter vorangehen.

Bills Punkte sind also wirklich gute Prüfsteine zur Rückfallprophylaxe. Der nächste lautet:

Viele von uns sind nicht in der Lage, die Zeiten der Nüchternheit richtig zu nutzen. Es geht zwei oder drei Jahre gut – dann wird der Betreffende nicht mehr gesehen.

Das sagt auch mein Sponsor. Irgendwann verschwinden viele Leute wieder aus den Meetings. Manchmal kehren sie zurück, nachdem sie ein paar harte Schläge erlitten haben. Wie oben beschrieben, geht es darum,  Leichtsinn und Selbstzufriedenheit zu vermeiden und nicht zu glauben, ich sei geheilt. Die Sexsucht hat meine Wahrnehmung und meine „Gehirnchemie“ verändert. Würde ich wieder einsteigen, ich wäre sofort wieder da, wo ich aufgehört habe. Und der Aufzug fährt schnell weiter abwärts.

Was sagt Bill noch?

Einige von uns leiden unter außergewöhnlichen Schuldgefühlen (…) Zu wenig Versöhnlichkeit mit sich selbst und zu wenig Gebete – das ist eine Kombination, die zum Rückfall führen kann.

Zum Thema „Scham“ und „Sich-selbst-verzeihen“ habe ich hier und hier Beiträge verfasst. Wenn sich die Schuldgefühle darauf beziehen, dass ich anderen Menschen durch meine Sexsucht geschadet habe, ist das ein Thema des achten und neunten Schritts, der „Wiedergutmachungen“.

Falls Dir das Thema „Gott“ oder „Gebet“ quer im Magen liegt, vielleicht hilft Dir dieser oder dieser Beitrag.

Was zählt Bill noch auf?

Außerdem habe einige von uns mehr Schaden durch den Alkohol/ die Sexsucht erlitten als andere.

Ich bin mir heute sehr bewusst, dass Sexsucht eine genauso schwere Erkrankung ist, wie andere Suchterkrankungen. Bei mir war es z.B. in der Schlussphase so, dass ich nur an Pornografie denken musste, da war es auch schon nicht mehr vermeidbar, dass ich sie kurzfristig anschauen und onanieren musste. Ja, ein Sexsüchtiger ist ein sehr kranker Mensch. Die Genesung braucht Zeit. Jemand, der gerade von der Sexsucht trocken geworden ist, erholt sich langsam von einer schweren Erkrankung.

Bill zählt weitere Punkte auf:

Bei anderen häufen sich die Schwierigkeiten und sie können nicht die spirituelle Kraftquelle finden, um mit ihnen fertig zu werden.

Zu dem spirituellen Aspekt habe ich oben schon etwas geschrieben bzw. verlinkt. Ich möchte jedem Mut machen: Ich habe miterleben dürfen, wie Freunde auch in sehr schwierigen Lebenssituationen trocken blieben und daran wuchsen. Das AS-Programm ist kein bloßes Schönwetter-Programm. Es funktioniert auch in schwierigen Zeiten.

Und weiter Bill:

Andere sind körperlich krank.

Dann gibt es noch die, die mehr oder weniger unter dauernder Erschöpfung, Angst und Depression leiden.

Im Blauen Buch wird darauf hingewiesen, dass es richtig und gut ist, auch medizinische, psychologische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn diese erforderlich sind.

Und ich möchte ergänzen: Unterschätzt die Macht der Schritte nicht! Als ich gerade wenige Monate vom Alkohol trocken war, wollte ich „Therapie“ machen. Ich hoffte, dass der Druck, unter dem ich mich fühlte, und meine weiteren Probleme, schnell „geheilt“ werden könnten. Heute weiß ich, dass das eine häufige Illusion ist: Es gebe eine Abkürzung und man könnte schnell von Folgeerscheinungen der Sucht „geheilt“ werden (und von der Sucht an sich: zu dieser Illusion siehe oben). Damals sagte eine AA-Oldtimerin (eine langjährig trockene Alkoholikerin) eben jenen Satz zu mir: „Ich sehe einen ganz normalen Alkoholiker mit ganz normalen Schwierigkeiten vor mir. Unterschätze die Macht der Schritte nicht. Arbeite erst die Schritte. Anschließend wirst Du wissen, ob Du noch Therapie brauchst und vor allem wirst Du sie gezielt machen können. Und nicht aus der Illusion heraus, die Therapie würde alle Schwierigkeiten des Lebens beseitigen.“

Sie hatte Recht und es galt ebenso für meine Sexsucht. Durch die Schritte bin ich auf einen Weg gekommen, der mich ins Leben zurückgeführt hat. Jetzt kann ich Schritt für Schritt gesunden.

Dies alles spielt beim Rückfall eine Rolle (…)

Sagt Bill. Und dies alles kann ich im Blick behalten und als Prüfstein benutzen, um keinen Rückfall erleiden zu müssen.

2 Kommentare

A. 24. August 2018 Antworten

Lieber „Mein Weg aus der Sexsucht“, wunderbar. Vielen Dank für die tolle Auflistung. Ich nehme es mit in den heutigen Tag und denk an dich. Sende Liebe Grüße, A.

Mein Weg aus der Sexsucht 24. August 2018 Antworten

Lieber A., freut mich, dass Dir die Liste gefällt. Als ich den Text von Bill las, dachte ich: Das ist es! Es sind alle Warnhinweise enthalten.

Ich muss oft an einen Satz denken, den mir eine AA-Freundin sagte, als ich rund drei Monate vom Alkohol trocken war. „Du hast mit Deiner Trockenheit eine Perle in der Hand. Halte sie fest. Wenn Du sie weg gibst, weißt Du nicht, ob Du sie wiederbekommst, und in welchem Zustand Du dann wärst.“ Das hat mich damals über den Gedanken hinweggebracht, ich könnte vielleicht doch noch eine gewisse Zeit lang „kontrolliert“ trinken.

Dir auch liebe Grüße!

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