Lasse deine Verärgerung nicht zu einem Resentment werden

Ein AA-Spruch lautet:

Don’t let your anger turn into a resentment.

Lasse deine Verärgerung nicht zu einem Resentment werden.

Diese Wahl hatte ich früher gar nicht. Fast jeder etwas stärkere Ärger wurde auch zu Groll, zu einem Resentment.

Ich holte die Situation oder Person, über die ich mich geärgert hatte, immer wieder hoch. Heute weiß ich: Auch Groll ist eine gefühlsverändernde und betäubende Droge. Ich war süchtig nach Aufregung, und diese Sucht befriedigte ich auch durch Grollattacken, die ich in mir selbst hervorrief. Heute möchte ich aber nicht mehr so leben. Ich habe durch das Zwölf-Schritte-Programm eine Wahl bekommen, auch in Hinsicht auf meinen Umgang mit Ärger, Wut und Zorn.

Gerade in den vergangenen Monaten war das Thema wieder sehr aktuell. Mein neuer Vorgesetzter macht Fehler – gravierende Fehler, die die früher so gut laufende Organisationseinheit an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit brachten.

Wie verführerisch war und ist es für mich, aus der aktuellen Verärgerung: „Oh nein, jetzt hat er das und das gemacht,“ dauerhaften Groll zu machen – gleichsam in mir selbst eine Droge zu erzeugen, durch deren Einnahme ich high werde.

Für diese spezielle innere Droge verwendet das Blaue Buch einen sehr passenden Begriff: das Wort „resentment“. Es stammt aus dem Lateinischen, die Vorsilbe re- bedeutet „wieder“ und „sentir“ bedeutet fühlen. Es geht also um ein „Immer-wieder-nachfühlen“, um das „immer-wieder-fühlen“, das erbarmungslose Heraufholen negativer Gefühle.

Und zu Recht heißt es im Blauen Buch, dass Groll/ Resentment der Hauptfeind Nummer 1 ist. Die damit verbrachte Zeit ist nicht nur vergeudet, sondern die Aufregung führt auch in eine dauernde negative Anspannung. Um diese negativen Gefühle ertragen zu könnnen, greift der Süchtige dann irgendwann wieder zum „ersten Glas“, sei es Alkohol beim Alkoholiker, seien es Lüsternheit und sexuelles Ausagieren beim Sexsüchtigen.

Aber wie kann ich mit Ärger, Wut und Unzufriedenheit umgehen? Ich kann diese Gefühle doch nicht wegwünschen. Und sie zu unterdrücken bringt es doch auch nicht…

Okay, der Reihe nach.

Also, angenommen, meine Vorgesetzter macht etwas wirklich Dummes, etwas das uns viel Arbeit macht. Ich ärgere mich. Mein Ärger ist eine Tatsache. Tatsachen zu verleugnen, wäre wirklich der falsche Weg.

Früher wäre ich hier stehen geblieben, hätte mich immer mehr geärgert, mir und anderen immer wieder erzählt, wie schrecklich der Typ ist, ein „langes Gesicht“ gemacht, auf Vergeltung gesonnen… Auch jetzt sind dies sich mir innerlich anbietende Reaktionen und manchmal wähle ich die eine oder andere, bis es mir dann wirklich schlecht geht.

Wenn ich heute merke, dass ich dabei bin, aus dem Ärger etwas sich Wiederholendes zu machen, schreibe ich zuerst eine Vier-Spalten-Inventur, wie sie das Blaue Buch empfiehlt.

1. Spalte – Über wen oder was ärgere ich mich: Meinen Vorgesetzten

2. Spalte – Warum: Weil er xyz gemacht hat

3. Spalte – Warum stört mich das so/ was verletzt das bei mir (oder, wie es mein Sponsor einmal ausdrückte: Why does that piss me off?):

Weil er mir und meiner Arbeitseinheit Ärger macht/ Weil wir uns im Haus lächerlich machen / Weil ich mir so etwas nicht bieten lassen muss/ Ich habe Angst, die erforderliche Arbeit nicht zu schaffen (Hinweis: In der dritten Spalte tauchen auch die Ängste auf, die mitwirken am Ärger)

4. Spalte – Mein Anteil/ Meine Charakterfehler/ Was habe ich falsch gemacht:

In dieser vierten Spalte schaue ich jetzt nur noch auf meine eigenen Fehler und Verursachungsbeiträge. Es geht nicht darum, zu rechtfertigen, was der andere getan hat. Ob diesbezüglich noch etwas geschehen muss, wird später zu betrachten sein. Es geht hier in der vierten Spalte aber erst einmal nur um meine Straßenseite. Ich möchte wach und nüchtern werden. Das kann ich nicht, solange ich den anderen anschuldige und dies selbstgerecht für mich als Kick nutze. In diesem Abschnitt der Inventur gibt es viele mögliche Fragestellungen, die jeder am besten mit seinem Sponsor bespricht (denn zumindest die Inventur im vierten Schritt funktioniert nicht ohne einen Sponsor; zu viel steht emotional im Weg, um die Inventur aus sich heraus zu machen. Außerdem braucht man jemandem, der einem am eigenem Beispiel zeigt, worum es geht. Siehe auch „Sponsor“ unter „Glossar und Links“).

Einige mögliche Herangehensweisen und Fragestellungen sind:

  • Ich frage mich zum Beispiel bei jeder Inventur, ob ich das, was ich dem anderen vorwerfe, selber auch schon gemacht habe, ob es mir auch hätte passieren können oder ob ich es gerne tun würde und mir nur verbiete? Konkret frage ich mich im Beispielsfall also: Habe ich mich auch schon falsch verhalten und anderen dadurch Arbeit gemacht oder sie blöd aussehen lassen? Wenn ich mir diese Frage ehrlich beantworte, muss ich mir eingestehen: Ja, doch, mehr als einmal. Und was habe ich damals gemacht, als mir das passiert ist? Na ja, mir verziehen. Es war ein Fehler, aber die Welt ging nicht unter dadurch. Tja, das ist jetzt auch nicht anders… Mein Vorgesetzter hat einen Fehler gemacht. Das ist menschlich. Bin ich bereit, auch ihm zu verzeihen? Es ist unehrlich, ihm etwas dauerhaft vorzuhalten, was mir selber auch passiert ist oder passieren könnte.
  • Nächste Überlegung – Welchen Verursachungsbeitrag habe ich geleistet: Zum Beispiel den, dass ich mir den Job ausgesucht habe. Ich hätte auch Selbständiger werden können. Aber Moment, es ist doch nicht falsch, dass ich mir den Job ausgesucht habe. Nein, aber es geht hier um den eigenen Anteil. Und ich habe mir den Job wirklich selbst ausgesucht. Ich könnte mir auch etwas anderes suchen.
  • Dann verdeutliche ich mir meine Charakterfehler, die bei dem Ärger mitwirken: Trägheit (schließlich werde ich bezahlt für meine Arbeit, auch die überflüssige), Stolz, Überheblichkeit, verurteilende Haltung, Schwarz-Weiß-Denken…

Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es Muster gibt. Bestimmte Ereignisse lösen vergleichbare Ängste und Vorwürfe (Spalte 3) aus und aktivieren auch immer die gleichen Charakterfehler und Muster bei mir (Spalte 4). Wenn ich das beachte und mit meinem Sponsor bespreche und im Meeting erzähle, werde ich immer aufmerksamer auf meine Muster. Und dann geschieht es: Ich erkenne in der auslösenden Situation bereits, das gleich Groll im Anmarsch sein wird und ich mit meinen Mustern reagieren würde. Bevor ich reagiere, kann ich zum Beispiel

  • beten
  • Inventur schreiben
  • wenn es eine schwierige Situation ist, telefonieren und darüber mit dem Sponsor oder einem Programm-Freund sprechen

und damit das Reaktionsmuster, das mich so lange gequält hat, durchbrechen.

Eine solche Inventur bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Jetzt sehe ich mich nüchterner und ich sehe, dass der andere auch nur ein Mensch ist. Wie es Anthony de Mello sagt:

Wir sehen die Menschen nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.

Jetzt spüre und sehe ich, dass ich eine Wahl habe: Möchte ich in den Groll einsteigen, ihn zu einem Resentment werden lassen? Mich immer wieder bei meinem „inneren Dealer“ mit dieser Droge versorgen? Ich zerstöre mich dabei allerdings selbst.

Statt dessen lasse ich den Ärger los. Ein wichtiges Mittel ist hierbei das Gebet. Ich bete für die Person, die mich tatsächlich oder vermeintlich verletzt hat, für ihr Glück und ihre Zufriedenheit. Dabei stelle ich mir die Person freundlich lächelnd vor. Und dann lasse ich die Person, die Situation und den Ärger los, gebe alles das an die höheren Kräfte ab. Ich kann so wieder nüchtern und frei werden. Voller Leichtigkeit und Freude!

Dann kann ich auch nüchtern überlegen, ob ich in der Sache etwas ohne Ärger und Groll tun sollte. Denn die Inventur dient nicht dazu, das Verhalten des Anderen für gut zu erklären. Wenn Handlungsbedarf besteht, sollte ich auch handeln. Aber ich handle nicht mehr durch meine Muster gesteuert, sondern ich handle aus eigener Entscheidung. Aber gibt es tatsächlich etwas zu tun? Zur Klärung dieser Frage hilft das Gelassenheitsgebet:

Gott gebe mir die Gelassenheit,
die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Die Frage ist: Auf welche Seite des Gelassenheitsgebets gehört etwas? Sollte ich etwas ändern (im Beispiel oben: mit meinem Vorgesetzten sprechen? Meinen Job wechseln?…)? Was sollte ich hinnehmen, als Tatsache akzeptieren und loslassen, weil es tatsächlich nicht zu ändern ist?

Ich mache meine Fußarbeit und überlasse den Rest Gott oder dem Schicksalslauf.

Nun bin ich wieder bei mir. Ich bin wieder im Frieden.

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