Heraustreten aus dem Schatten von Missbrauch und Gewalt

Frage: „(…) was ist mit Menschen, die körperlich missbraucht und misshandelt werden? Wie können sie gegenüber dieser Erfahrung zur Nicht-Anhaftung finden?“

Antwort: „(…) Ich behaupte nicht, dass es einfach ist. Ich behaupte nur, es ist möglich.“

Anthony de Mello, Das Leben neu entdecken – Aufwachen zum Glück, Freiburg im Breisgau 2013, S. 90

Ja, es ist möglich.

Als ich 2008 zu meiner ersten Zwölf-Schritte-Gruppe, den Anonymen Alkoholikern kam, drehte sich bei mir alles um den sexuellen Missbrauch, den ich mit 15 erlitten hatte. Ich sah in ihm die Ursache für meine Beziehungsunfähigkeit, mein Trinken und auch für meine „sexuellen Probleme“ (die Sex- und Pornosucht konnte ich damals noch nicht ehrlich benennen).

Es dauerte lange, bis der Missbrauch seine Dominanz verlor. Anfangs sah ich ihn wie eine Art „Geburtserlebnis“. Als hätte es mich vorher gar nicht gegeben. Dann bekam ich durch die Inventuren im vierten und fünften Schritt des Programms eine neue Sicht auf mein Leben. Ich sah, dass es mich schon „vorher“ gegeben hatte. Dass sich sogar im sexuellen Bereich schon vor dem Missbrauch künftige süchtige Denk- und Verhaltensmuster zeigten. Schließlich wurde mir bewusst, dass ich durch meine ganze Grundschulzeit hindurch Gewaltopfer und vor allem Gewaltzeuge war.

Durch das Programm können Missbrauch und Gewaltzeugenschaft immer mehr „Vergangenheit“ werden. Dabei half mir, zuzugeben, dass ich in meiner Sexsucht die erlittene Grenzverletzung durchaus auch hätte selber begehen können. Was wäre gewesen, wenn das Schicksal mich in eine Situation geführt hätte, in der eine Fünfzehjährige neben mir als über Vierzigjährigem im Bett geschlafen hätte?  Vielleicht hätte ich ihre Grenzen genau so verletzt, wie meine Grenzen verletzt wurden. Es hat sehr wehgetan, als ich dies zum ersten Mal meinem Sponsor anvertraute. Aber Ehrlichkeit ist einer der Schlüssel zur Genesung.

Auch wenn ich aufgrund der Traumatisierung noch einige körperliche Symptome habe, muss ich heute in vielem nicht mehr so anhaften, wie früher. Manchmal habe ich Momente, in denen ich einfach „bin“. Das sind Momente, in denen ich „loslassen und Gott überlassen“ kann.

Manchmal ist es noch anders. Ich falle zurück in meine Süchtigkeit nach Aufregung, vor allem in der Gestalt von Groll. Ich glaube, dass dabei auch der körperliche Aspekt der Traumatisierung ein Problem ist: Die innere Anspannung bringt mich dazu, im Äußeren nach etwas zu suchen, das das innere Gefühl „rechtfertigen“ kann. Ich suche mir den „Aufreger“ im Außen, und die Aufregung im Inneren fühlt sich logisch und „vernünftig“ an.

Dazu sagt Anthony de Melle im eingangs zitierten Buch (S. 113):

Wir sehen die Menschen nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.

Wenn ich so „dazwischenhänge“, zwischen Genesung und Gelassenheit und Groll und Festhalten, dann hilft mir der zweite Schritt. Ich habe so viel Genesung und Veränderung erfahren in den vergangenen Jahren, ich komme auch jetzt immer wieder zu dem Glauben, dass die höheren Kräfte mir meine geistige Gesundheit, meine Freude und Gelassenheit geben werde, wenn ich meinen Teil tue, meine „Fußarbeit“ mache. Außerdem gibt es auch für den körperlichen Aspekt der Traumatisierung Hilfe. Im Blauen Buch wird ausdrücklich dazu ermutigt, neben dem Zwölf-Schritte-Programm auch ärztliche und therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch auf diesen Weg habe ich mich jetzt gemacht.

Ich freue mich heute so, Sätze wie im Eingangszitat lesen und „Ja“ dazu sagen zu können. Das hätte ich vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehalten. Damals hätte ich mich durch das Zitat angegriffen gefühlt. Heute belebt es die Hoffnung in mir, dass ich von dieser Frucht des freien und glücklichen Lebens noch viel mehr werde kosten können, wenn ich auf dem Weg bleibe.

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