Gebet

Als ich zum ersten Mal im Blauen Buch die Empfehlung las, regelmäßig zu beten, konnte ich mir das nicht vorstellen. Erst wollte ich mit dem Gott-Thema überhaupt nichts zu tun haben.

Später fragte ich mich dann: Wie sollte ein Gott ausgerechnet mein Gebet erhören? Würde das nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass die vielen Gebete der Menschen unerhört blieben, die in ihrem Leid zugrunde gingen? Was wäre das für ein Gott?

Berechtigte Fragen, die mich auch heute noch beschäftigen. Ich habe für mich auch Antworten gefunden. Und neue Fragen…

Aber das AA-Programm ist ein praktisches Handlungsprogramm. Es werden im Blauen Buch zwar spirituelle Fragen angesprochen, letztlich wird aber einfach eine Praxis weitergegeben, die sich als wirksam erwiesen hat. Als der Mitgründer von AA, Bill W., mit der spirituelle Frage rang, sagte sein Freund zu ihm:

Warum suchst Du Dir nicht Deinen eigenen Begriff von Gott?/ Why don’t you choose your own conception of God?

Diese Frage hat mich immer wieder befreit, wenn ich in theoretischem Nachdenken über religiöse Fragen festhing. Ich bin bei den Anonymen Alkoholikern und ebenso bei den Anonymen Sexaholikern völlig frei darin, welches spirituelles Konzept oder welche Vorstellung ich der Praxis der Genesung zugrunde lege.

So gab mir damals eine AA-Freundin, der ich von meinen Schwierigkeiten erzählte, auch eine praktische Empfehlung. Sie sagte: „Probiere das Beten doch einfach mal drei Monate aus. Wenn es Dir hilft und Du Dich besser fühlst, machst Du weiter. Wenn nicht, hörst Du wieder auf.“ „Und wie mache ich das konkret?“ „Nun, wirf abends Deine Pantoffel unter’s Bett, und wenn Du schon mal unten bist, dann knie Dich kurz hin und sage: ‚Gott, ich danke Dir für den trockenen Tag.‘ Und wenn Du Dich morgens hinkniest, um die Pantoffel wieder unter dem Bett hervorzuholen, dann bleibe wieder kurz unten und sage: ‚Gott, ich bitte Dich, dass ich heute trocken sein kann.“

Weil ich es gerne bequem habe, nahm ich die Sache mit den Pantoffeln auf meine Art. Ich hatte noch ein paar dünne, weiche Hotel-Pantoffel. Auf die kniete ich mich morgens und abends und machte es so, wie die Freundin gesagt hatte. Nach einigen Tagen merkte ich, dass ich ruhiger wurde. Das kurze Beten gab dem Tag einen Rahmen und eine Ausrichtung. Nach ein paar Wochen traf ich die Entscheidung, es beizubehalten. Der Wortlaut hat sich seitdem immer wieder mal geändert. Aktuell sage ich morgens: „Gott, ich danke Dir für mein Leben und ich danke Dir für den neuen Tag. Ich bitte Dich, dass ich heute keinen Alkohol zu trinken brauche und sexuell trocken sein kann. Ich werde das erste Glas Alkohol stehen lassen und ich werde die Lüsternheit nicht füttern und nicht sexuell ausagieren – nur für heute -, mit Deiner Hilfe.“

Der letzte Teil ist mein Versprechen an Gott, das zu tun, was ich selber tun kann.

Das Hinknien hat nach meinem Gottesverständnis übrigens nichts mit „Gottes Wille“ o.ä. zu tun. Ich tue es, weil es mir hilft, mich innerlich auszurichten. Ich habe auch Freunde, die das nicht tun.

Ich habe also zuerst gebetet, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wer oder was mich hört. Es gibt diese Kraft, die ich so dringend brauche, um trocken bleiben zu können. Sie  ist ansprechbar und wirksam. Ich habe sie im Laufe der Jahre unterschiedlich genannt. Sie hat viele Namen. Welcher passt für Dich?

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