„Für diese Männer und Frauen erscheint dann ihr lüsternes Leben allein als das normale.“

Der Arzt William D. Silkworth war ein früher Förderer der Anonymen Alkoholiker und hat zwei wichtige Texte zum Blauen Buch beigesteuert, die in dem Abschnitt „Aus der Sicht des Arztes“ abgedruckt sind. Er fasst die Sichtweise des Alkoholikers auf die Welt dort unter anderem in dem Satz zusammen:

Für diese Männer und Frauen erscheint dann ihr alkoholisches Leben allein als das normale.

Wenn ich das Wort „alkoholisch“ durch das Wort „lüstern“ ersetze, habe ich eine Beschreibung meiner früheren Situation, wie ich ich sie im ersten Jahr meiner Trockenheit nach und nach erkennen musste: Für mich war mein lüsternes Leben etwas völlig normales. Wenn ich aus einem Fenster nach draußen schaute, konnte ich gar nicht anders, als die gegenüberliegenden Fenster nach möglicher Objekten meiner Lüsternheit „abzuscannen“. Wenn ich in die Straßenbahn stieg, sah ich sofort, ob etwas Lüsternes zu sehen war, zum Beispiel eine Frau mit enger Kleidung oder einem tiefen Ausschnitt. Wenn Wörter neben einer alltäglichen auch eine anzügliche oder lüsterne Bedeutung hatten, kam mir sofort diese Bedeutung in den Sinn. Ich könnte diese Liste noch lange fortsetzen und der Leser, der selbst ein Lüsternheitsjunkie ist, wird sicher seine eigene Liste aufstellen können.

Wie sehr die Lüsternheit mein ganzes Wahrnehmen, Denken und meine Phantasie beherrschte, merkte ich erst nach und nach im ersten Jahr der Trockenheit. Dadurch, dass ich den lüsternen Impulsen nicht mehr durch Ausagieren nachgab, merkte ich ihre umfassende Präsenz und ihre Macht. In diesem ersten Jahr sagte ich zu meinem Sponsor: „Jetzt kann ich verstehen, was Dr. Silkworth gemeint hat. Für mich war mein lüsternes Leben immer das normale. Ich weiß schon seit vielen Jahren nicht mehr, wie es ist, die Welt nicht ständig zumindest auch unter dem Gesichtspunkt der Lüsternheit wahrzunehmen. Und ich weiß, dass ich, wenn ich wieder anfangen würde, auszuagieren, wieder genau da wäre, wo ich aufgehört habe. Diese Welt wäre für mich sofort wieder völlig normal. Es ist etwas in mir kaputt gegangen, was nicht wieder heil zu machen ist.“

Wie dringend ich die Hoffnung des zweiten Schritts brauchte, dass eine Höhere Macht mir meine geistige Gesundheit wieder geben kann!

Heute würde ich es so beschreiben: Ja, es ist etwas in mir kaputt gegangen, so dass ich zu einer nicht-süchtigen Form der Lüsternheit nicht mehr in der Lage bin. Wenn ich der Lüsternheit folgen würde, würde ich sofort wieder rückfällig und es wäre auch sofort für mich mein lüsternes Leben wieder das normale – ganz gleich, wie lange ich vorher trocken gewesen wäre.

Aber ich weiß heute auch, dass ich durch meine Sucht zu dem gekommen bin, was ich heute habe. Ich muss einen gesunden Weg gehen, weil ich den Weg der Krankheit einfach nicht mehr vertragen könnte. Die Krankheit hat mich zur Gesundheit gebracht. Ich suche sehnsüchtig danach, immer gesünder zu werden. Einen Teil meiner geistigen Gesundheit habe ich bereits seit Mitte 2012 wieder: Ich durfte sexuell trocken sein, auf einer täglichen Grundlage, immer nur für heute. Und ich bin voller Zuversicht, dass ich immer weiter gesunden kann – ja, auch soll! Gott möchte uns glücklich, voller Lebensfreude und frei sehen, das ist die Zusage aus dem Blauen Buch.

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