Erfahrungen in den Schritten vier und fünf

Freunde haben mich gebeten, über meine Erfahrungen mit den Schritten vier, fünf und zehn zu teilen. Durch Schreiben kann ich mir diese Erfahrungen vergegenwärtigen. In diesem Beitrag werde ich mich auf die Schritte vier und fünf beschränken.

Der vierte Schritt lautet:

Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.

Der Fünfte:

Wir gestanden Gott, uns selbst und einem anderen Menschen die genaue Art unserer Fehler ein.

Meine erste Erfahrung mit dem vierten Schritt war: Ich kann ihn nicht ohne die Hilfe eines Sponsors gehen.

Ich habe es versucht. Im ersten Jahr meiner Trockenheit vom Alkohol wollte ich die Schritte arbeiten. Ich sehnte mich so nach Normalität und Gelassenheit, und hatte in den Meetings gehört, dass diese mit den Schritten kommen würden. Kurzzeitig hatte ich einen Sponsor, kam aber mit seiner Art der Schrittearbeit nicht klar. Da ich sie so gerne arbeiten wollte, begann ich, aus meinem Eigenwillen zu handeln. Ich bastelte mir selbst eine Gliederung, nach der ich den vierten Schritt arbeiten wollte. So auf mich gestellt wurden mein Perfektionismus und mein Schwarz-Weiß-Denken wach. Ich dachte, nur wenn ich den Schritt „perfekt“ mache, werde ich die Früchte der Schrittearbeit ernten können.

Ich schrieb alles Wichtige aus dem Blauen Buch auf. Und weil ich Übersetzungsfehler und -schwierigkeiten feststellte, schrieb ich noch die englischen Textpassagen daneben. Schon diese Tabelle war kaum zu händeln. Und dann fing ich mit dem Ausfüllen an. Scham- und Schuldgefühle überwältigten mich. Ich tat das _in dieser Situation_ einzig Vernünftige: Ich brach den vierten Schritt ab.

Denn ohne Sponsor geht es nicht. Der Sponsor hat selber den vierten Schritt gemacht und auch Erfahrungen damit, die Inventur alltäglich fortzusetzen (Schritt 10). Er kann ermutigen, die Inventur wirklich „nüchtern“ anzugehen und helfen, mit aufkommenden Gefühlen von Scham, Schuld oder Verzweiflung umzugehen. Er kann Mut machen, zu trauern, aber auch, aus Selbstmitleid auszusteigen. All das habe ich später, bei AS und mit meinem AS-Sponsor erfahren dürfen. Aber der Reihe nach…

Ich suchte mir einen neuen Sponsor. Ich fand einen engagierten Londoner AA, der mich unter seine Fittiche nahm. Damals war ich zutiefst verängstigt, voller Scham und fühlte mich lebensunfähig. Der Alkohol, mein Tröster und meine Freude – und mein Hinderer und Ich-Zerstörer – , war weg. Wie sollte ich jetzt leben?

Der neue Sponsor war sehe engagiert, es gab aber Probleme, die ich damals noch nicht durchschaute. Auch er drängte mich, die Inventur ganz, ganz genau und sehr, sehr gründlich zu machen. Nun gesellte sich zu meinem Perfektionismus und dem Schwarz-Weiß-Denken noch die Angst vor Autoritätspersonen und vor dem Verlassen-Werden. Also schrieb ich und schrieb und schrieb. Scham überwältigte mich. Mein großes Problem war: Ich war ein Sexaholiker, der noch nicht kapituliert hatte. Ich hatte noch nicht erkannt und zugegeben, dass ich sexsüchtig bin. Mir hatte noch niemand gesagt, dass Scham der Hauptfeind Nummer Eins des Sexsüchtigen ist. Ich wusste nicht, dass Lüsternheit die treibende Kraft hinter meinem sexuellen Ausagieren ist und dass ich dieses Programm, was mir beim Alkohol half, auch auf meine Sexsucht anwenden könnte – und müsste, wenn ich die befreiende Wirkung des Programms spüren wollte.

Ohne diesen Hintergrund hielt ich jedes sexsüchtige Verhalten für eine moralische Verfehlung, für ein Versagen. Und nun sollte ich dieses hundertfache Versagen diesem Mann anvertrauen?

Aber ich war hartnäckig und bereit, den ganzen Weg zu gehen. Schließlich ging ich mit zwei gefüllten Elba-Ordnern zu ihm, um meinen fünften Schritt zu machen, also ihm meine Listen vorzulesen.

Als ich nach acht Stunden mit dem ersten Ordner fertig war, dachte er, das wäre es jetzt fast. Nachdem ich ihm sagte, dass ich noch so einen Ordner mit habe, sagte er für den Folgetag ein Tennisspiel und einen anderen Fünften Schritt ab und hörte sich auch den zweiten Teil an. Ich war für den fünften Schritt zu ihm nach London geflogen und er wusste, dass ich es nicht vertragen würde, eine längere Pause nach dem ersten Teil zu haben.

Obwohl diese Inventur so schmerzhaft und vor allem schambehaftet war, half sie sogar schon. Ich hatte alles einem Menschen anvertraut, was ich an Resentments, Groll, Angst und sexuellen Fehlern hatte und ich hatte alle Verletzungen aufgeschrieben und eingestanden, die ich anderen Menschen zugefügt hatte. Und ich stellte fest: Ich wurde nicht verurteilt. Ich erfuhr Mitgefühl und Klarheit. Ich war ein normaler Mensch, wie andere Menschen auch. Ja, es war eine Erleichterung.

Da ich noch aktiv in der Sexsucht war, konnte ich die Scham aber (noch) nicht loslassen. Das süchtige Verhalten war wie eine sich immer neu entzündende Wunde, die mich immer beschäftigte. Ich versuchte, die süchtigen Verhaltensweisen zu unterdrücken und Auslöser zu vermeiden. Später würde ich den Unterschied zwischen bloßer Unterdrückung von Lüsternheit und dem Loslassen von Lüsternheit erfahren. Aber noch war ich nicht soweit.

Zurück zu den Schritten vier und fünf und zu einem Zeitsprung. Einige Monate später löste ich mich von diesem Sponsor. Ich empfand es so, dass er kein Recht hatte, mir ständig Vorgaben zu machen. Ich wollte aus diesem ständigen Druck heraus. Heute weiß ich, dass ich mit meiner tief verwurzelten Angst vor Autoritäten mit einem solchen Sponsor einfach nicht umgehen konnte. Ich war das Problem. Das ist nur eine nüchterne Feststellung, kein Selbstvorwurf. Zum Glück bin ich mir gefolgt und habe mich von ihm gelöst.

Ich suchte und fand einen neuen Sponsor, der mehr als zehn Jahre jünger ist als ich. Er konnte meine Angst verstehen. Er hatte auch eine dysfuktionale Kindheit erlebt und wusste, dass dies bei der Schrittearbeit ein besonders rücksichtsvolles Vorgehen, auch sich selber gegenüber, erfordert. Er war ein Ermutiger, der mir Mut machte, meine eigene Verbindung zu meiner Höheren Macht zu finden. Aus dieser Verbindung würde ich die Kraft für den Weg der Genesung finden.

Allerdings war bald eine Grenze erreicht, denn aktiv in der Sexsucht konnte mir das AA-Programm noch nicht die befreiende Wirkung vermitteln, die die zwölf Schritte normalerweise begleitet. „Normalerweise“ bedeutet hier: wenn keine uneingestandene, zweite Sucht aktiv ist.

Und noch ein Zeitsprung. Rund eine Jahr später:

Im Juni 2012 kann ich zu AS. Ich machte mich sofort auf die Suche nach einem Sponsor, denn dafür war das AA-Programm gut: Ich hatte viel Vertrauen in die Schritte gefasst. Ich war trocken vom Alkohol, hatte an Selbstbewusstsein, Freiheit und sogar Glück gewonnen (ich hatte meine künftige Frau kennengelernt), und nun wollte ich das Sexsucht-Thema endlich angehen. Ich wollte frei davon werden, trocken. Ich wusste, dass die Sexsucht diese schöne Partnerschaft zerstören würde. Ich liebte aber meine Frau und wollte sie heiraten. Erst hatte ich gehofft, die Partnerschaft würde die Sexsucht heilen. Ein klassischer Irrtum eines Sexsüchtigen. Sie nahm nur Anlauf zum erneuten Ausbruch. Pornografie guckte ich ohnehin durchgängig heimlich.

Ich vereinbarte mit meiner Partnerin eine sexuelle Abstinenz (die elf Monate bis zur Eheschließung andauern sollte). Mit dem neuen Sponsor arbeitete ich dann erneut die Schritte vier und fünf. Es ging nicht mehr um Perfektionismus. Es ging darum, die belastenden Sachen zu erkennen, sie zu bekennen und loszulassen, wegzuschicken! Frei zu werden von der Last, die sich über die vielen Jahre angesammelt hatte. Mein Sponsor machte mir Mut, Muster zu erkennen. Wie ähnelten sich die Situationen, die mich in Groll, Wut und Angst versetzten? Welche Charakterfehler tauchten dann immer auf?

Ich erkannte Vieles, zum Beispiel dass ich anderen Menschen in der Regel Dinge vorwarf, die ich selber auch tat. Oder ich warf ihnen Dinge vor, die ich am liebsten auch tun würde und mir nur versagte. Ich sah mein Kontrollthema. Meine Kindheit und die sexuellen Übergriffe in der Jugend hatte mir eine Überwachsamkeit eingepflanzt und eine Sicht auf die Welt, die ständig die – realen oder vorgestellten – Gefahren, Risiken und Nachteile sah.

Ich will hier gar nicht weiter auf meine Charakterfehler und die Charakterzüge eingehen, die ich dort entdeckte und heute, im Schritt 10, erkenne. Mir wurde aber klar, dass ich oft gar nicht anders reagieren konnte. Erst jetzt, nach und nach, habe ich die Werkzeuge, wie ich mich in den entsprechenden Situationen verhalten kann.

Jetzt hatten der vierte und der fünfte Schritt ihre Kraft und ihre Wirkung entfaltet. Ich habe meine Vergangenheit anerkannt. Ich habe einen liebevollen Zeugen gefunden für mein Leid und das Leid, das ich anderen angetan habe. Ich erfuhr, dass ich ein ganz normaler Mensch und ein ganz normaler Sexsüchtiger war. Ich war kein schlechter Mensch, der gut, sondern ein kranker Mensch, der gesund werden will.

Und mit dem vierten und fünften Schritt ist die Grundlage dafür gelegt, im achten und neunten Schritt wieder gut zu machen. Dazu vielleicht ein andermal…

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