Eine Kraft, größer als wir selbst

Ich hatte anfangs große Schwierigkeiten damit, dass das Programm der Anonymen Alkoholikern ein spirituelles Programm ist.

So heißt es zum Beispiel im Buch „Anonyme Alkoholiker“:

Wenn Sie ein so schwer kranker Sexsüchtiger sind, wie wir es waren, gibt es nach unserer Überzeugung für Sie keine halbe Lösung mehr. Wir waren da angekommen, wo es unmöglich geworden war, so weiterzuleben. Wir hatten den Zustand erreicht, aus dem uns keine menschliche Hilfe mehr zurückholen konnte. Uns blieben nur zwei Möglichkeiten: entweder bis zum bitteren Ende zu gehen und das Bewusstsein unserer unerträglichen Lage auszulöschen – oder wir mussten spirituelle Hilfe annehmen.

(…)

Mangel an Kraft, das war unser Dilemma. Wir mussten eine Kraft finden, durch die wir leben konnten – und es musste eine Kraft, größer als wir selbst, sein.

Genau das war es. Aber wo und wie sollten wir diese Kraft finden?

Darum geht es in diesem Buch.

Zitat, an die Sexsucht angepasst, aus: Anonyme Alkoholiker, S. 30 f. / 52

Wer in ein Meeting der Anonymen Sexaholiker geht oder in der Literatur liest, wird immer wieder auf die eindringliche Empfehlung stoßen, sich auf dem Genesungsweg einer höheren Kraft oder Macht* seines Verständnisses anzuvertrauen. Für diese Kraft wird bei AS auch die Bezeichnung „Gott“ verwendet, allerdings mit dem Zusatz: „wie wir ihn verstanden“. Das bedeutet, und darauf weist das Blaue Buch auch ausdrücklich hin, dass es keinerlei Vorgaben dafür gibt, wie diese höhere Kraft aussehen soll.** Das liegt im Ermessen jedes Einzelnen.

Als ich mit dem Zwölf-Schritte-Programm in Berührung kam, hatte ich mit diesem Punkt große Schwierigkeiten.

Solange von einer Kraft, die größer ist als ich selbst, die Rede war, ging es noch. Wenn aber das Wort „Gott“ fiel, kamen Ablehnung und Widerstand in mir auf.

Andererseits hatte aber auch ich die im Zitat beschriebene Erfahrung gemacht: Ich war meiner Sexsucht gegenüber machtlos. Obwohl ich ansonsten willensstark war und viel Energie hatte, versagte meine Kraft, wenn es darum ging, mit der Lüsternheit aufzuhören. Ich brauchte tatsächlich eine Kraft, größer als ich selbst, aus der ich nüchtern Leben konnte. Aus eigener Kraft hatte ich es tausendmal ohne Erfolg versucht.

Diese Kraft fand ich zuerst in den Meetings der Anonymen Sexaholiker. Also waren sie meine höhere Kraft. Im Laufe meines jetzt mehr als neunjährigen Entwicklungsweges habe ich dann meine eigene Spiritualität gefunden.

Falls Sie die Zwölf-Schritte-Gruppen noch gar nicht kennen, fragen Sie sich vielleicht: „Warum soll ich mich mit spirituellen Fragen beschäftigen? Ich will doch einfach nur mit der Sucht aufhören.“

Ich würde den Grund heute so beschreiben: Beim trocken werden und nüchtern bleiben geht es vor allem darum, loszulassen. Es geht darum, zu kapitulieren, aufzugeben. Der erste Schritt ist, die eigene Machtlosigkeit wirklich anzuerkennen. Das ist einer der (scheinbaren) Widersprüche im Zwölf-Schritte-Programm:

Wir müssen aufgeben, um siegen zu können.

Das tut sehr weh, dem eigenen Niedergang voll ins Auge zu sehen. Wenn es dafür keine Lösung gäbe, wäre es tatsächlich nur möglich, „bis zum bitteren Ende zu gehen und das Bewusstsein unserer unerträglichen Lage auszulöschen,“ mit noch mehr Lüsternheit, noch mehr Scham- und Schuldgefühlen, Erschöpfung, Depression…

Aber es gibt eine Lösung! Durch AS habe ich Menschen kennengelernt, die ihr Leben neu aufbauen, ohne wieder in die Sucht zu fallen und die, nach der ersten, schweren Zeit des Trockenwerdens, wieder positive Lebensenergie und Freude ausstrahlen.

Dadurch bekam ich die Hoffnung, dass ein suchtfreies Leben nicht nur aus lauter Verboten bestehen würde, und langweilig und trostlos wäre. Sondern dass ich durch die Nüchternheit wirklich „glücklich, voller Lebensfreude und frei“ werden könnte, wie es das Blaue Buch als Ziel beschreibt. Deshalb habe ich mich darauf eingelassen, mich einer Macht anzuvertrauen, die größer ist als ich. Eine Kraft, die mich auf dem Genesungsweg führt, schützt und stärkt.

Wenn Sie sich vorstellen können, zu sagen: „Ich lasse los, ich wage den Schritt, ich probiere die Meetings und das Programm aus“, dann bewegen Sie sich bereits auf die Kraft zu, die größer ist, als sie selbst. Sie müssen keine Religion annehmen. Geben Sie einfach den helfenden Kräften die Chance, Ihnen bei der Gesundung zu helfen. Sie werden später herausfinden, wie Sie diese Kraft, die größer ist als Sie selbst, beschreiben wollen. Ob Sie dafür den Begriff Gott verwenden, oder ob Sie sie den Fluss des Lebens, den Lauf des Schicksals, die Kraft der Liebe oder ganz anders nennen, das ist dann alleine Ihre Entscheidung.

*Ein sprachlicher Hinweis:

Im englischen Original des Blauen Buch ist von einer higher power und einer power, greater than ourselves die Rede. Die übliche deutsche Übersetzung mit „höhere Macht“ bringt die Doppelbedeutung von power, Kraft und Macht, nicht so zum Ausdruck. Ich verwende beide Begriffe. Die Higher Power können auch die „Himmelskräfte“ sein. Die mich nach oben, ans Licht ziehen. Kein zwingendes Ziehen, sondern der Zug der Sehnsucht nach einem neuen, gesünderen, besseren Leben.

** Wenn wir also mit Ihnen über Gott sprechen, meinen wir Ihre eigene Vorstellung von Gott. Das trifft auch auf andere religiöse Ausdrücke in diesem Buch zu.

Zitat: Anonyme Alkoholiker, Seite 54

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