Ehrlichkeit mir selbst gegenüber

Hin und wieder wird mir bewusst, wie oft ich mir etwas über mich selbst vormache, insbesondere über meine Motive oder den Wert von dem, was ich tue. Das ist gefährlich, …

… denn diese Unehrlichkeit zieht automatisch andere Unehrlichkeiten nach sich, weil ich anschließend die Lüge vor mir selbst aufrechterhalten, rechtfertigen und rationalisieren muss. Zum Beispiel wenn ich mir sage: „Ich bin eigentlich schon ziemlich frei von Lüsternheit,“ das aber gar nicht stimmt. Denn was war mit dem Blick oder dem Gedanken eben? „Ach, das war nicht so dramatisch.“ Lüge! Es war vielleicht nicht dramatisch. Aber „ziemlich frei von Lüsternheit“ war es auch nicht. Überhaupt: Alles Vergleichen und Besser-Sein-Wollen, als ich bin, ist gefährlich, denn es trägt den Keim der Unehrlichkeit in sich. Stattdessen versuche ich, mir über mich nichts vorzumachen.

Deshalb legt vielleicht der fünfte Schritt soviel Wert darauf, dass wir auch „uns selbst gegenüber“ die genaue Art unserer Fehler zugeben. Denn in gewisser Weise ist die Selbsttäuschung noch schlimmer, als manche Fremdtäuschung. Denn der, den ich täusche, wenn ich mir selbst etwas vormache, ist immer bei mir, er begleitet mich ständig. Und er weiß es eigentlich besser. Was für ein Kraftaufwand, die Lüge aufrechtzuerhalten!

Wenn ich zum Beispiel denke, „ich bin nett zu meiner Frau“, dann stimmt das vielleicht. Aber was ist, wenn ich vor allem dann nett bin, wenn ich etwas von ihr will? Das Blaue Buch empfiehlt, sich über den Wert seiner Handlungen nichts vorzumachen. Denn sonst passiert Folgendes: Meine Frau ist vielleicht nicht so (unehrlich) nett zu mir. Vielleicht weist sie sogar meine Schmeichelei zurück, weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass es für sie nur Arbeit bedeuten soll. Daraufhin bin ich vielleicht „eingeschnappt“. „Warum ist sie so unfreundlich?“ Selbsttäuschung! Sie ist gar nicht unfreundlich. Ich war nur egoistisch und unehrlich. Aber wenn ich das nicht wahrhaben will, dann muss es ja der andere sein, der mir Unrecht tut.

Ich erlebe bei mir viele Formen von Selbsttäuschung. Sie halten mich von einer wachen Analyse und von notwendigem Handeln ab. Ich muss sie aufrechterhalten, wenn ich mir den Schmerz ersparen will, mich so zu sehen, wie ich bin. Aber das ist wirklich ein Schmerz, durch den ich durch muss. Nur dann werde ich frei, denn nüchtern in der Wahrnehmung kann ich auch nüchtern handeln.

Ein Autor, Hans Glaser, Heilpädagoge und spiritueller Sucher, drückte es in seinem Tagebuch so aus:

Den Mut haben, sich selbst zu sehen, die Abgründe und Gefahren meines Wesens, und aus dieser Einsicht die Hilfen zu suchen. Es geht immer und immer wieder um den Gegensatz: vorgestellter Mensch und wirklicher Mensch. (April 1971)

Und an anderer Stelle führte er aus:

Wenn man sich doch zumindest einmal am Tag darüber klarwerden könnte: du bist mit tausend Fesseln gebunden. Ohne aber der Mutlosigkeit zu verfallen. Nur die Konsequenz ziehend: als Mensch bin ich ein Ertrinkender. Aber ständig sind rettende Arme um mich, wenn ich Augen habe, sie zu sehen. (Oktober 1965)

Und wenn ich jetzt denke: „Wow, da habe ich etwas erkannt,“ dann bin ich vielleicht  schon wieder auf dem Weg, mir etwas vorzumachen. Denn sehe und fühle ich diese Arme wirklich? Weiß ich um meine Fesseln?

Ich versuche es. Ich möchte mir nichts mehr vormachen – immer nur für heute nicht, einen Tag nach dem anderen. Und Humor und Dankbarkeit nehmen dem Ganzen das selbstgenießerische Sich-Suhlen in den eigenen Defiziten.

Ob ich auch einmal aus dem Herzen, nicht nur aus dem Kopf, werde sagen können (und wen der christliche Bezug im folgenden Satz stört, der kann einfach, „sondern die höheren Kräfte in mir“ oder eine andere Formulierung einsetzen, die zu ihm passt):

Furcht in jeder Form ist verkappter Egoismus. Wenn ich in der Haltung lebe: Nicht ich, sondern der Christus in mir, dann kann ich wohl Sorge haben, aber keine Angst. (Mai 1966)

Sorge, aber keine Angst: Weil mich die helfenden Kräfte tragen werden, wenn ich mich ganz in den Fluss des Lebens einlebe. – Ich hoffe, immer häufiger so leben zu können.

Ergänzung:

Auch in „Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen“ ist diese egoistische Furcht beschrieben. Dort heißt es in dem Abschnitt zum siebten Schritt:

Die Haupttriebkraft unserer Charakterfehler war egoistische Furcht, Furcht, etwas zu verlieren, was wir bereits besaßen, oder etwas nicht zu bekommen, was wir uns wünschten. … Darum konnten wir keinen Frieden finden, ehe wir nicht den Weg entdeckt hatten, diese Forderungen abzubauen. Der Unterschied zwischen einer Forderung und einem einfachen Wunsch ist jedem klar.

Mit dem Siebten Schritt ändern wir unsere Einstellung. Mit Hilfe der Demut treten wir aus der Enge unseres Egos hin zu den anderen und hin zu Gott. (S. 71)

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