Charakterfehler

An manchen Tagen lebe ich meine Charakterfehler einfach aus, ohne darüber nachzudenken. Die Folgen sind, je nach Charakterfehler, unterschiedlich. Es kann sogar sein, dass ich andere damit unterhalte, jedenfalls vordergründig. Zum Beispiel, wenn ich lästere und dabei einen Vorgesetzten „nachspiele“. In anderen Fällen belaste ich meine Umgebung und verbreite Anspannung und schlechte Laune.

In jedem Fall führt das Ausleben eines Charakterfehlers aber bei mir zu Unzufriedenheit, oft auch zu Schuldgefühlen oder sogar in eine depressive Verstimmung. Das Letztere tritt z.B. dann auf, wenn ich wegen Aufschieberei mit meinem Job nicht klarkomme.

In den letzten Wochen konnte ich mich mit meinen Charakterfehlern selber nicht mehr ertragen. Ich konnte es nicht mehr ertragen zu nörgeln, aufzuschieben oder von anderen etwas zu verlangen, um es selbst bequem zu haben.

Da habe ich meine Machtlosigkeit in Bezug auf meine Charakterfehler gespürt. Ich habe über sie genauso wenig Macht und Kontrolle, wie über die Lüsternheit.

Ich kann sie aber auch genauso behandeln, wie ich die Lüsternheit behandeln kann.

In Bezug auf die Lüsternheit habe ich bei AS eine „dritte Option“ kennengelernt. Während meiner aktiven Suchtzeit hatte ich nur zwei Optionen: auszuagieren oder das Ausagieren zu unterdrücken. Und das Unterdrücken war so anstrengend und frustrierend, dass ich schließlich wieder zum Ausagieren umschwenkte. Außerdem wurde die Möglichkeit des Unterdrückens immer geringer.

Bei AS lernte ich in der in der Trockenheit eine dritte Option kennen: Das Kapitulieren, das Loslassen und Gott überlassen, in Verbindung mit gesunden Handlungen. Natürlich ist die Grundvoraussetzung des Loslassens, dass ich vorher meinen Zustand überhaupt schonungslos und ehrlich sehe und zugebe.

Nicht anders ist es mit den Charakterfehlern. Wenn ich sie sehe und zugebe (Schritte 4, 5 und 10) und meine Machtlosigkeit erkenne, kann ich sie an die helfenden Kräfte abgeben (Schritte 6 und 7).

Jetzt versuche ich es seit einigen Tagen konsequenter als bisher. Die Sache läuft so ab: Ich fühle den Impuls, in dem sich ein Charakterfehler äußern will. Zum Beispiel jemanden zu kritisieren, um mich selber innerlich zu entlasten. Statt aus dem Impuls heraus loszureden, versuche ich, zu schweigen und eine innere Pause zu machen. Ich wende mich an die Höheren Mächte mit einem Gebet oder ich spreche mir Mut zu, mit einer Affirmation („Du musst das jetzt nicht sagen. Es ist alles in Ordnung.“) Ich behalte im Bewusstsein, dass ich machtlos bin und versuche nicht, mich mir selbst gegenüber besser darzustellen, als ich bin. Dann lasse ich los, indem ich durchatme, bete, etwas Sinnvolles tue, hilfsbereit bin etc.

Oft ist es mir nicht gelungen, aber manchmal gelingt es mir auch. Ich spüre sehr deutlich den Unterschied. Wie gut es tut, wenn ich den Fehler loslassen und abgeben konnte. Ohne mir einzubilden, ich hätte ihn besiegt oder mich schon grundlegend geändert. Gelingt es mir nicht, spüre ich die oben beschriebenen, negativen Folgen.

Ich bin so dankbar, dass ich die Charakterfehler sehe und dass ich jetzt eine größere Bereitschaft habe, sie loszulassen. Oder wie die Schritte 6 und 7 das Idealbild und den Prozess formulieren:

Schritt 6:

Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.

Schritt 7:

Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.

Ich bin so dankbar, dass ich in diesen Prozess einsteigen konnte. Mir ist auch deutlich geworden, warum gleich zwei Schritte diesem Thema gewidmet sind. Es ist so eine Befreiung, einen Charakterfehler nicht ausleben zu müssen! Selbst wenn er bleiben sollte; er hat dann eben seinen Platz in meinem Innern, aber er muss mir und anderen nicht mehr schaden. Und er steht meiner Lebensfreude und Zufriedenheit nicht mehr im Weg.

Heute morgen las ich einen dazu passenden Text im Tagebuch von Hans Glaser, eines meiner Lieblingsautoren:

Eine ungeheure Gnade, wenn man sein eigenes Seelengerümpel wahrnimmt. Aber mit innerer Gelassenheit. Nicht mit abstrakten Vorsätzen die Wirksamkeit der Einsicht verringern. Statt Krampf: innere Lockerheit und Hingabe. (Dezember 1965)

Wie oft habe ich mich früher mit dem abstrakten Vorsatz zu erleichtern versucht: „Das mache ich das nächste Mal anders,“ um es das nächste mal dann doch genau so wieder zu tun.

Tatsächlich war diesmal der Unterschied, dass ich der Einsicht nicht ausgewichen bin. Jetzt: statt Krampf: innere Lockerheit (durchatmen) – und Hingabe an die helfenden Mächte (Gebet, loslassen und Gott überlassen). So kann es gehen.

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