Selbsterforschung, Gebet und Meditation nach dem Blauen Buch (1): Einleitung

Manchmal bin ich an einem Ort in der Programm-Literatur, wo ich mit dem Gelesenen nicht so viel anfangen kann und reise zunächst weiter. Monate, vielleicht Jahre später werde ich auf die Textstelle und die dortigen Vorschläge erneut aufmerksam und entdecke: „Wow, das passt ja, da ist ja genau das drin, was ich brauche.“

Eine solche Stelle gibt es im Blauen Buch. Genau genommen sind es zwei Abschnitte: Der Abschnitt zum zehnten und der Abschnitt zum elften Schritt. Diese zwei Abschnitte enthalten alles, was ich zur Gestaltung meines Alltags im Zwölf-Schritte-Programm brauche: Eine Morgenroutine, eine Abendroutine und Werkzeuge für die Zeit dazwischen, für den Lauf des Tages. Wenn ich dann noch das Gelassenheitsgebet dazunehme, habe ich eine gute Grundlage für die Anwendung des Programms in meinem Alltag.

Auf die Textabschnitte, um die es in den folgenden Beiträgen gehen wird, hat mich mein Sponsor aufmerksam gemacht. Eigentlich hatte er mich in den vergangenen Jahren mehrmals darauf aufmerksam gemacht. Und ich hatte auch immer wieder damit begonnen, die Empfehlungen umzusetzen, die das Blaue Buch an diesen Stellen gibt. Aber es waren immer nur einzelne Tage oder kurze Zeiträume, in denen ich es tat. Dann ließ ich mich wieder treiben oder wählte andere Routinen. (Über die sechs Empfehlungen, die ich von meinem ersten AA-Sponsor für meine alltägliche Programmarbeit erhielt, habe ich eine Beitragsserie verfasst, die hier aufgerufen werden kann.)

In den vergangenen Wochen hatte ich dann einige Tiefpunkte. Ich versuchte, morgens und abends auch noch eine Atemübung unterzubringen in der kurzen Zeit, die ich mir für Gebet und Besinnung ließ. Dies hatte zur Folge, dass ich oft nur noch mein Morgengebet um Trockenheit für den Tag und die Atemübung machte; für alles andere war keine Zeit mehr.

Als dann an einem Tag etwas Unvorhergesehenes, Stressiges geschah, geriet ich so in Aufregung, dass ich währenddessen keinen Moment inne hielt, um zu beten, oder mich zu besinnen.

Als ich die Geschichte meinem Sponsor erzählte, sagte er zwei für mich wichtige Sachen. Erstens sei es bei ihm mit der Aufregung so, wie mit der Sucht: Wenn er einmal damit anfange, könne er nicht mehr aufhören, bis er damit „fertig“ sei. Und zweitens sei der Aufregungs-Auslöser wirklich nur das: ein Auslöser; nicht der Grund der Aufregung. Er frage sich dann: „Wann hat es angefangen?“ Oft habe es viel früher angefangen. Wenn er aufgeregt sei, habe es wenig mit der Außenwelt zu tun.

Was ist denn die Lösung, um nicht immer wieder in solche Situationen zu kommen? Mein Sponsor machte mich auf eine Stelle im Buch Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen aufmerksam. Dort heißt es:

There is a direct linkage among self-examination, meditation, and prayer. Taken separately, these practices can bring much relief and benefit. But when they are logically related and interwoven, the result is an unshakable foundation for life. Now and then we may be granted a glimpse of that ultimate reality which is God’s kingdom. And we will be comforted and assured that our own destiny in that realm will be secure for so long as we try, however falteringly, to find and do the will of our own Creator.

Twelf Steps and Twelve Traditions, Step Eleven, Seite 98

Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Selbsterforschung, Meditation und Gebet. Einzeln praktiziert können diese Handlungen große Erleichterung und viel Nutzen bringen. Aber logisch miteinander verbunden und verwoben führen sie als Ergebnis zu einer unerschütterlichen Lebensgrundlage. Hin und wieder wird uns vielleicht ein Blick in die unendliche Wirklichkeit geschenkt, die Gottes Reich ist. Und wir werden getröstet und uns gewiss werden, dass unser eigenes Schicksal in dieser Wirklichkeit sicher aufgehoben ist, solange wir versuchen, wie stockend und unzulänglich auch immer, den Willen unseres Schöpfers herauszufinden und zu tun.

Zwölf Schritte und Zwölf Traditionen, Seite 92 (Übersetzung von mir modifiziert)

Ich muss also nur versuchen, Gottes Willen für mich herauszufinden und ihn zu tun. Wie stockend und unzulänglich mir das auch gelingen mag, wie oft ich auch dabei ins straucheln komme (however falteringly). Das ist alles, was ich tun muss. Dadurch gewinne ich eine unerschütterliche Lebensgrundlage – etwas, das ich nie hatte. (Und natürlich wäre es wieder Perfektionismus, Schwarz-Weiß-Denken und Größenwahn, zu denken, dass ich „niemals wieder“ straucheln werde. Ganz im Gegenteil: das Straucheln und Fehlermachen gehört dazu: „however falteringly“.)

Aber wie geht das: Selbsterforschung, Gebet und Meditation logisch miteinander zu verbinden und ineinandergreifen zu lassen? Um diese Frage wird es in den folgenden Beiträgen gehen:

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